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Midnight hour

11. März 2006

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Es war eine dieser Bars, irgendwo in SoHo, kurz vor der Sperrstunde. Ein Saxophonist im Halbdunkel, der selbstvergessen einen Blues lebt, im Duett mit Ella Fitzgerald, auf Vinyl. Ein Barkeeper, Freund der einsamen Seelen, der nur fremde Geschichten hört und keine eigene zu haben scheint.
Ich will nicht reden, nicht heute abend, nicht in dieser Nacht. Ich schaue hoch, als mich eine Stimme fragt: „Allein?“ Als sich unsere Blicke treffen, sage ich nur „Nein. Jetzt nicht mehr.“
Er beobachtet mich, als ich an meinem Whiskey nippe. Jede Bewegung sagt mehr als alle Worte. Seine Blicke berühren mich zärtlich, er scheint jeden Zentimeter zu begutachten. Es ist, als würden wir unsere intimsten Gedanken lesen können, wir müssen nicht reden. Mir wird warm, ich spüre, ich erschauere vor Vergnügen. Dieser Fremde küsst mich, ohne es zu tun, ich fühle seine Hände auf meinem Körper, während er sein Glas berührt. Ich möchte dieses Glas sein, ich bin es. Es entwickelt sich eine Eigendynamik, die mit der Umschreibung „St. Helens im Cerebralkern“ noch nicht einmal die Unterseite der Realität ankratzt. Ich hätte nie gedacht, das so etwas möglich ist, aber es passiert. Heute nacht.
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Die Musik trägt unsere Gedanken, jeder Ton des Saxophons ist wie ein leidenschaftlicher Kuss und Ella at her best. Es ist fast unerträglich warm, ich habe das Gefühl, wir tanzen, ich fühle mich abgehoben und fest umschlossen zugleich.
In Gedanken entledige ich mich meines Kleides und lasse mich von ihm mit Blicken lieben. Ich will nicht, dass er spricht, ich will in seinen Augen lesen und mich in ihnen spiegeln, so wie er sich in meinen. Ich weiß, dass er genauso fühlt, ich kann es sehen, nur in seinen Augen. Die kleine Welt der Bar reduziert sich auf unseren Quadratmeter, ich bin ihm so nah, dass es mir den Atem nimmt. Wir sitzen uns nur gegenüber. Reden kein Wort. Ertrinken in Blicken. Tauchen auf aus Vibrationen. Wundervoll. Kein Zeitgefühl, keine Fragen. Wir haben uns nicht einmal tatsächlich berührt, aber jeden Zentimeter erkundet.

Mein Glas ist leer. Ich werfe dem Barkeeper einen Zwanzigdollarschein auf den Tresen, deute auf den Fremden, der mir so nah war und nicke. Ich stehe auf, schaue ihn an, lächle. Nur noch ein Blick, dann verlasse ich die Bar. Irgendwie hatte ich gerade … sex with a stranger.

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