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A day at the …dentist

28. August 2006

jekylla_teeth

Zwar schon mal woanders geschrieben, aber warum nicht auch hier?

Es fing am Donnerstag Abend an, diese Wummern im Oberkiefer, direkt unter der im Januar eingesetzten Teilkrone. Die Nacht, die folgte, war die Hölle. Hätte mir gegen 04.00 Uhr morgens jemand angeboten, das Ding mit einer Hilti zu entfernen, ich hätte ihm alles gegeben, vom Schmuck meiner Großmutter bis zu … egal.

Am Freitag Vormittag meinen Leibzahnarzt angerufen. Wie gut, dass ich Urlaub habe. Das nenn ich mal einen tollen Start in den Urlaubstag. Tonband. Praxis nicht besetzt, in Notfällen eine Handynummer. Die Klassifizierung zum Notfall erfülle ich zu diesem Zeitpunkt mehr als ausreichend mit einer mittlerweile komplett schmerzerfüllten linken Gesichtshälfte und durch Dauerkühlung mit Cold Packs bläulich-frostig verfärbt obendrein.

Ich hinterlasse eine Nachricht, die an Dringlichkeit kaum zu überbieten ist, alles andere als ein stummer Hilfeschrei. Es würde mich sehr wundern und wäre eine Anzeige bei Amnesty International wert, wenn kein Rückruf erfolgt. Schade aber, dass mein Zahnarzt in Urlaub ist, berufsentsprechend den Brückentag genutzt. Kurz bevor ich vollends der Verzweiflung anheim falle, verspricht er mir, sich um Abhilfe zu kümmern. Ausharren am Telefon. Es wummert im Rhythmus meines Herzschlags. Nichts gegessen seit dem Vorabend. Nur Zigaretten und Kaffee. Auch keine gute Idee, aber zu diesem Zeitpunkt begann die Infektion wohl schon mein Hirn zu vernebeln. Alles in mir hört nur noch SCHMERZ!

Der Rückruf. „Sei um 12.00 Uhr in der Praxis von Dr. Dent, er wird Dich erst mal versorgen, am Montag behandle ich weiter“.
Dr. Dent, ansässig in der Nachbarstadt, in der Mitte eines Einkaufszentrums, das der Erbauer wohl aus Ermangelung an Gelegenheiten, einen Irrgarten anzulegen, dankbar gestaltet hat. Parkhaus. Voll. Der Brückentag. Hitze. Es wummert. Ohne Unterlass. Folter. Praxis gefunden. Mittlerweile nassgeschwitzt, das Gesicht hälftig geschwollen, Augen sowieso gerötet von der schlaflosen Nacht, ein Bild des Jammers.

Und dann öffnet dieser Mann die Tür. Eine Reklamefigur von Dr. Best, ich bin in einer Werbung. Ein strahlendes Lächeln begrüßt mich und die Worte „Sie sind also Frau… hmmm, irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“ Was für eine deprimierende Feststellung, wenn ich ihn in diesem Zustand an mich erinnere. Ich kenne ihn nicht, was ich unter normalen Umständen bedauern würde. Aber nicht mal das kann ich, ich bedaure nur mehr mich selbst, sonst nichts. Und ich will Spritzen. Viele davon. Mein Wunsch wird mir erfüllt, die Wirkung ist allerdings gleich null, der Schmerz tobt unvermindert.
Nach einer Stunde und diversen Ergänzungsinjektionen entschließt er sich anzufangen. Wenn nicht, hätte ich auf den Knien gelegen und darum gebettelt, gänzlich ohne Scham. Die nächste Stunde ist mir nur noch als „twilight zone“ erinnerlich. Ich höre „Wurzelkanäle öffnen“, „Krone aufbohren“, „da kommt man aber schwer ran“, „na so was….“, alles verschwimmt im Wabernebel der Betäubung, die zwar den Schmerz nicht nimmt, aber das klare Denken langsam demontiert.

Irgendwann ist er fertig, er sieht immer noch genauso gut aus. Nein, ich möchte keinen Spiegel, um zu sehen, was er gemacht hat. Dann würde ich MICH sehen. Und gefühlsmäßig wäre das keine aufbauende Idee. Ich werde gezwungen, noch vor Ort eine Schmerztablette zu schlucken. Ich hätte den Becher aufmerksamer an meine tauben Lippen führen sollen, dann hätte ich mit dem Kippen nicht schon in Dekollete-Höhe begonnen. Großartig. Aber jetzt stört mich gar nichts mehr. Das Gefühl, als hätte mich ein 18-Tonner überrollt, nimmt glaubhaftes Ausmaß an. Ich verlasse die Praxis und bin desorientiert. Aber völlig. Ich finde den Eingang zum Parkhaus nicht mehr, irre durch die engen Gassen und Menschenmassen und merke, wie die Verzweiflung und die Hysterie sich meiner bemächtigen. Es ist glühend heiß, ich hasse Menschenmassen und ich bin gesichtsmässig auf doppelte Größe angeschwollen. Sein „Fahren Sie aber vorsichtig, eigentlich sollten Sie ja gar nicht mehr…“ klingt noch in meinen Ohren. Ich will nur noch zu meinem Auto. Halte einen Mann fest, der aussieht, als habe er eine Parkhausuniform an und zischle und sabbere „WogehtschhierschumParkhssssch?“ Er scheint Angst vor mir zu haben, auch gut, so wird er mir helfen. Er schiebt mich in einen Eingang und spricht mit mir wie mit einem Kind. Aber ich verstehe.
Mein Handy klingelt, mein Liebster ist dran, fragt, wie es mir geht. Ich bespucke das Handy und erzähle, aber er sagt nur, dass er mich nicht verstehen kann, er ist voll des Mitleids. Jetzt bin ich das auch und heule vor mich hin. Beende das „Gespräch“ mit einem „ach, waschweischtduschon“ und steige hinab in die Parkhauskatakomben. Finde das Auto schnell, was mich heute noch wundert und irre etwa 20 Minuten im Kreis auf der Suche nach der Ausfahrt umher. Tränenblind kann ich kaum noch was erkennen. Hänge mich einfach an einen dran und hoffe, er will auch raus.
Plan funktioniert, das Tageslicht hat mich wieder. Schaue in den Rückspiegel, erschrecke zu Tode. Das bin ich also. Weia. Erst einmal aus der mir unbekannten Nachbarstadt auf der heimischen Strecke geht es mir besser. Klimaanlage. Der Schmerz lässt nach. Die Tablette wirkt. Ich will nach Hause. Couch, Eisbeutel und endlich schlafen. Und ich bin so dankbar, dass mir geholfen wurde.

Ob heute nacht die Zahnfee kommt? Oder vielleicht sogar ihr Bruder? Verdient hätte ich es.

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