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Eine kurze Reise in die Dunkelheit

25. Januar 2007

jekylla_auge

Man stellt es sich oft vor. Wie das wäre, nicht mehr sehen zu können. Sich gänzlich auf die restlichen Sinne verlassen zu müssen. Man macht die Augen zu, geht ein paar Schritte und wenn es brenzlig wird, macht man sie schnell wieder auf. Eine Sicherheit, auf die man sich verlassen kann. Und man merkt nicht einmal, wie beruhigend diese Sicherheit ist. Sehen zu können, wann immer man es möchte. Nichts sehen müssen, wann immer man es will. Es ist eine Selbstverständlichkeit.

Und man findet den Gedanken schrecklich, das auf einmal nicht mehr zu können. Aber das wird ja nicht passieren. Nicht mir. Dachte ich.

Ohne mit Einzelheiten über den „Unfallhergang“ zu langweilen, er führte zu einer Verbannung in die absolute Dunkelheit. Nur wenige Tage. Im Bruchteil einer Sekunde. Von den Schmerzen abgesehen, war es eine beängstigende Erfahrung. Natürlich kümmerte man sich um mich, aber ich fühlte mich allein. Und hilflos. Abhängig. Gerade für einen selbständigen Menschen wie mich, der, ehe er um Hilfe fragt, alles selbst versucht zu erledigen, ein Alptraum. Nicht einmal eine Zigarette konnte ich mir anzünden. Nicht wissend, ob ich das Ende treffen würde, besorgt, dass Glut herabfallen könnte und alles in Brand setzt und ich würde es nicht einmal merken.
Nicht einfach aufstehen können und etwas zu trinken holen, weil ich gerade Durst habe. Kleinigkeiten. Selbstverständliche Kleinigkeiten, die nun zu Problemen wurden. Und ich fühlte mich allein, trotz besorgter Menschen um mich herum. Ich hatte sie verloren, die Gesten, die Mimik meiner Umwelt.

Ich konnte kein Lächeln mehr sehen anfangs, weil ich verlernt habe, ein Lächeln zu hören. Das Hören wurde sehr wichtig. Das Lauschen auf Geräusche, die mir mitteilten, dass ich nicht alleine war. Das Fühlen, das Tasten, um meinen Weg zu finden, einen der kurzen Wege, die ich mir gestattete, der letzte Rest von Privatsphäre, den ich mir erhalten konnte. Wie einfach ist es, einfach mal eben duschen zu gehen. Wie einfach, wenn man sehen kann, wo das Duschgel steht, das Shampoo, die Handtücher hängen. Hat mal jemand versucht, lange Haare blind zu fönen? Das Gute ist, man kann das Ergebnis ohnehin nicht sehen. Äußerlichkeiten spielten ohnehin keine Rolle. Ich war ohnehin sicher, so auszusehen, wie ich mich fühlte.

Seltsamerweise waren die Schmerzen fast die ganze Zeit zweitrangig, trotz der Heftigkeit. Ich hatte einfach Angst, dass dieser Zustand anhalten könnte. Und stellte mir vor, wie es wäre, nie mehr die Sonne aufgehen zu sehen, nie mehr jemandem tief in die Augen sehen zu können. Dass ich nicht mehr einfach zu einem Buch greifen kann. Oder das Fernsehen dem Fernhören weichen würde. Ich mochte meine Lieblingsserien nicht sehen in der Zeit, weil mir das Sehen fehlte. Das Hören reichte nicht. Beängstigend, in einem Auto zu fahren, ohne sehend mitzufahren. Ich habe angefangen, mir Wegstrecken zu merken, bestimmte Kurven, Ampeln, und entdeckte einen gewissen Stolz, wenn ich ungefähr sagen konnte, wo wir uns befanden.

Ich empfand Verunsicherung beim Essen. Ich sah nicht, was ich essen sollte, es war fast eine Überwindung, dann eine Überraschung. Das Geschmackssinn und der Geruchssinn mussten den optischen Eindruck mit übernehmen. Ich fand es nicht überzeugend. Das ist alles Einbildung, ich weiß. Aber der Eindruck nahm mir den Appetit anfangs. Ich habe verzweifelt im Kühlschrank nach Dingen getastet, die einen eigenen Geruch hatten. Aber alles in Folien verpackt, in Behältern verschlossen. Ich fühlte mich ungeschickt und ungelenk. Ständig begleitet von der Angst, etwas zu demolieren oder irgendwo zu stürzen, weil ich es nicht umgehen kann. Ich beschloss, sobald ich wieder sehen kann, die Wohnung zu entrümpeln. Minimalistisches Mobiliar, nur das Nötigste. Kein Firlefanz mehr, denn man mit einer unbedachten Handbewegung zur Seite fegt. Keine Stolperfallen, kein Schnickschnack.

Ich wusste bis dahin nicht, wie abhängig ich von optischen Eindrücken bin, was meine Mitmenschen betrifft. Wie sehr meine Einschätzungen von Beobachtungen abhängig sind. Von Gestik und Mimik. Das war alles nicht mehr existent. Auf Töne lauschen, die Zwischentöne nicht mehr ignorieren, sondern besonders darauf achten. Überbesonders. Ich wurde empfindlich. Auch gereizt. Dass es für meine Mitmenschen nicht so präsent war. Dass ich wegen allem fragen musste. Um vieles bitten. Sogar um die Tasse Kaffee morgens. Auf alles warten zu müssen, was ich nicht alleine konnte, und das war einiges. Das war für mich furchtbar. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, einiges hätte ich gerne aufgeschrieben. Aber das konnte ich ja nicht. Ich hab es nicht einmal versucht. Ich wurde stiller, in mich gekehrt. Die Zeit war länger als sonst, zumindest hatte ich den Eindruck. Die Nachtstunden waren doppelt so lange, weil ich wegen der Schmerzen kaum schlief. Keine Ablenkung durch ein Buch, einen Film, einen Spaziergang oder einen Ausritt. Allein mit meinen Gedanken. Das klingt alles weinerlich und vor Selbstmitleid triefend. Ich gebe es zu. Denn ich hatte eine gute Prognose und voraussichtlich nur eine kurze Beeinträchtigung in dieser Form. Und dennoch: aus dem alten Spiel, freiwillig die Augen zu schließen und „blind“ zu spielen, wurde eben blitzartig ein Ist-Zustand, mit dem ich einfach in der mir so vertrauten Welt an den äußeren Rand abdriftete.

Als man mir sagte, dass ich jetzt die Augen wieder öffnen könnte im Rahmen meiner Möglichkeiten, war das ein Glücksgefühl, wie ich es selten erlebt habe. Es war, als würden sich Türen öffnen. Das triste Grau des Vorfrühlings mutierte zu einem Lichtermeer, die Farben schienen zu explodieren, ich konnte nicht mehr stillsitzen, wollte herumlaufen, wollte rennen. Ich lachte fremde Leute auf der Straße an, weil ich sehen wollte, dass sie mich anlächeln, einfach so, weil ich es wieder sehen konnte.
Und das alles nach dieser kurzen Zeit, nach diesen wenigen Tagen. Der Gedanke, das Augenlicht für immer zu verlieren, ist nun greifbar beängstigender als zuvor. Und die noch mehr gewachsene Hochachtung vor Menschen, die lernen, damit umzugehen, wenn eine Krankheit oder ein Unfall sie des Augenlichts beraubt.

Frühjahr 2006, heute daran gedacht
Interessanter Link zum Thema

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8 Kommentare leave one →
  1. Manni (anonym) permalink
    25. Januar 2007 10:09:21

    Viel schlimmer als all das Beschriebene wäre für mich der Gedanke, dann von Dir nichts mehr lesen zu können…Schmerz, weiche!

  2. Jekylla permalink
    25. Januar 2007 10:23:43

    REPLY:
    jetzt fehlen mir mal spontan die Worte… wie lieb…

  3. toxea permalink
    25. Januar 2007 13:36:18

    … der Verlust eines Sinnes ist sicherlich eine der schlimmsten Erfahrungen. Gut, dass es nur eine vorübergehende war, die aber sicher den Blick auf die Dinge ungeheuer verändert hat.

  4. Jekylla permalink
    25. Januar 2007 13:39:12

    REPLY:
    auch nachhaltiger Art, der Heilungsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Immer, wenn man gerade dazu neigt, es zu vergessen, macht es sich bemerkbar. So wie heute. Nur kurz. Aber erinnerungsträchtig.

  5. toxea permalink
    25. Januar 2007 14:02:02

    REPLY:
    ist sicher nicht zu vergessen und begleitet einen für eine ganze Weile und ich denke, das sollte es auch.

  6. 15. September 2009 10:57:40

    Ein beeindruckender Text. Was Du in kurzer Zeit und geballter Form erlebt und gefühlt hast, berichten viele Menschen, die sehbehindert oder blind werden. Dann gilt es, nicht in Selbstmitleid zu ertrinken. Sprechende, vergrößernde und tastbare Hilfsmittel können da ein erster Schritt sein. Auch das Austauschen mit Leuten, die schon länger schlecht oder nicht sehen können, hilft über den psychischen Schmerz hinwegzukommen. Schließlich ist vielen Menschen nicht bewusst, was trotz Sehbehinderung möglich ist.

    • 15. September 2009 11:01:07

      Der gute Ausgang war denkbar knapp, das hätte auch anders enden können. Ich sehe an Dir zum Beispiel auf beeindruckende und sicherlich auch Betroffenen Mut machende Weise, was alles möglich ist. Wie bei jeder schweren Krankheit ist Selbstmitleid die größte Hemmnis.
      Diese nur Tage andauernde Dunkelheit hat mich jedenfalls sehr nachdenklich gemacht.

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  1. „Du blinder Schiri, Du!“ oder „Siehst Du Susi tanzen?“ « Fabulous Sankt Pauli

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