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Perlen vor die Säue oder Wie man einen Stadtteil verschandelt

27. September 2009

Ich bin gerne und oft dort. Und gehe gern im Stadtteil spazieren. Aber eine Ecke gibt es, die meide ich, wenn ich sie meiden kann.

Im Zuge der Errichtung des -um es vorsichtig auszudrücken- baulich absolut stadtteilkonträren „Empire Riverside“ Hotels entstand auch eine neue Wohnanlage zwischen Bernhard-Nocht-Strasse und Hopfenstrasse.

StPauli01

Die Wohnungen mögen innendrin ja sehr schick sein, es gibt auch welche mit Dachterrassen, natülich nur zu horrenden Mitpreisen. Aber dabei haben die „Umgebungsarchitekten“ einige wichtige Dinge vergessen, die den Wohlfühlcharakter einer Wohnanlage ausmachen. Stichwort: grün. Rund um die Wohnanlage gibt es nichts Blühendes, nichts Grünes. Abgesehen von den Anpflanzungen vor einigen Wohnungen, die quasi in einem Kessel liegen, einem Durchgangsweg vom Bäcker/AL*I zur Davidstrasse.
Dort hat man versucht, sehr widerstandsfähige Koniferen als Grünschmuck anzusiedeln. Da es in diesem Durchgang allerdings selbst an strahlend schönen Sonnentagen dunkel bleibt und dazu der Wind wie Hechtsuppe durch den Windkanal zieht, sind selbst diese Koniferen zum Sterben verdammt. Was man auch sieht. Auf den kleinen Balkonen will auch im Sommer niemand sitzen und morgens um 11 Uhr muss man in den Küchen Licht anmachen. Das reine Wohlfühlgefühl. In diesen Wohnungen möchte ich nicht mal für Geld wohnen.

Allein das Passieren des Durchgangs macht mich an einem sonnigen Sonntagmorgen depressiv, da möchte ich mir nicht mal ausmalen, wie ich mich fühlen würde, wenn ich dort wohnte. Es gibt nirgendwo einen Platz zum Sitzen, warum auch, da will eh niemand sitzen bei dem Wind und im Schatten. Vom Style her passt der Wohnklotz prima zum Riverside und mir würde nichts fehlen, wenn ein überdimensionaler Bagger das ganze Eck aushöbe und einfach in die HafenCity umsetzen würde, da passt das nämlich hin. Und würde den Stadtteil nicht verschandeln.

Mein persönlicher Favorit ist allerdings der integrierte Kinderspielplatz. Da hätten wir diese futuristisch gestaltete Wippe, auf der ich noch nie ein Kind habe wippen sehen. Geschweige denn zwei.

StPauli02

Diese Alibi-Wippe ist eine weitere optische Depression und mittlerweile ohnehin von Glasscherben umringt, das letzte Fundstück, ein schwarzer Slip, deutet zumindest daraufhin, dass wenn schon nicht dort gewippt wird….
Das wars dann auch schon, das war der Kinderspielplatz. Ich bezweifle aber, dass in dieser Wohnanlage Familien mit Kindern wohnen, die Mietpreise sind eher familienunfreundlich. Passend zur Wohnanlage.

Zu dem Neubau-Eck gehört auch ein Lokal, also eher Sushi- und Cocktailbar, das „Copper House“, das sich selbst Businessrestaurant nennt, aus dem der geneigte Gast, im Luxus schwelgend, das bunte Treiben auf der Davidstrasse begutachten kann. Wie im Zoo, wo man durch eine Glasscheibe die Tiere betrachtet, so schauen die Gäste durch die Glasscheibe nach draussen.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen die Dokumentation „Empire St. Pauli-von Perlenketten und Platzverweisen“ wärmstens empfehlen, am besten schauen Sie sich das, wenn Sie können, in dem Kino in der Brigittenstraße an, hier ein Trailer mit Ausschnitten.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dort alles verschwindet, was den Stadtteil St. Pauli nicht zuletzt so attraktiv für Hunderttausende Touristen im Jahr macht, sondern in erster Linie so lebens- und liebenswert für die Anwohner. Die Gentrifizierung schreitet voran. In großen Schritten.

10 Kommentare leave one →
  1. 28. September 2009 12:44:14

    ja stimmt…irgendwie wollte man scheinbar auf stylisch machen und hat das wesentliche vergessen: Style ist nur Style wenn man es mögen kann.

    • 28. September 2009 13:08:16

      Und es wäre schön gewesen, wenn die Bauwerke stilistisch nicht ganz so extrem weit von der Umgebung entfernt wären. Dafür ist es natürlich jetzt zu spät, aber an den Gegebenheiten wie Bepflanzung könnte man zumindest in den sonnenbeschienenen Ecken noch was ändern.

      Und diese Wippe… also manchmal ist sogar nix mehr als weniger mehr wäre.

      Aber im Grunde ist da nicht wirklich was zu retten. Gruselig ist das.

  2. 30. September 2009 17:31:46

    „In diesen Wohnungen möchte ich nicht mal für Geld wohnen.“ soll wohl heißen, Sie würden da nicht mal wohnen, wenn man Ihnen Geld dafür böte? (sonst würd’s ja keinen Sinn machen ;o))

    Interessant fand ich wie diese wohnecke gewählt hat (Wahllokal in der Bernard-Nocht-Straße), überdurchschnittlich viel CDU und FDP, doppelt bis dreimal so viel wie im Rest St.Paulis.

    Ich wohne nicht weit entfernt + wenn ich mal zu Al*i gehe, bin ich jedesmal aufs neue geschockt wie duster, ungemütlich, windig das dort ist und wie unwillkommen man sich da fühlt. Stylisch?? *brrrr*. Bausünde trifft es definitiv besser.

    • 30. September 2009 18:03:22

      Genau, nicht mal, wenn man mich dafür bezahlen würde, wollte ich da wohnen.

      Ach was, die Wahlzahlen dort waren doch so aussagekräftig? Das habe ich noch gar nicht recherchiert, passt aber.

      Ich wohne auch in der Nähe, wenn ich in Hamburg bin und geh da immer zum Bäcker *brrrr*

  3. 5. Oktober 2009 10:59:20

    also die Wippe IST stylish.😉

  4. 17. März 2010 13:00:05

    Super, das ist mir neu. Danke für den Tipp! Dafür liebe ich das Web, dass man schnell auf solche super Blogbeiträge stößt🙂. Vielen Dank nochmal und schöne Grüße, Lucia Wuttke

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