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Lebenszeit

8. Januar 2010

Ich habe gerade eineinhalb Stunden meiner Lebenszeit sinnvoll investiert. Indem ich jemandem zugehört habe. Wie man das als Freund macht. Mit emotionalem Abstand zum Thema, aber nicht zum Themeninhaber. Wo es möglich ist, eine Problematik relativ frei von störenden Gefühlen zu analysieren, weil man nicht selbst betroffen ist. Wie eine wissenschaftliche Untersuchung, die einem erlaubt, aus Distanz Nähe herzustellen und umgekehrt. Und es so oft schafft, dem Betroffenen andere Perspektiven zu vermitteln oder aus einer Gedankenschleife rauszuhebeln.

Wenn man im Anschluss das Gefühl hat, dem „Erzähler“ auch nur ein kleines bißchen weitergeholfen zu haben auf dem Weg, die eigenen Gedanken neu zu sortieren und vielleicht manches etwas klarer oder einfach von einem anderen Standpunkt zu sehen, ist das gut. Und keine Verschwendung von Lebenszeit. Sondern eine Investition. Nämlich selbst zum Erzähler werden zu können, wenn es mal von Nöten ist. Ein Erzähl-Sparbuch im besten Fall.

Letztendlich kann man nur Ratschläge geben, die aus eigenen Erfahrungen resultieren. Was derjenige dann damit anfängt, ist wieder ganz seine Sache. Das ist wie jemandem Werkzeug in die Hand drücken und zuschauen, was er damit baut. Das Werkstück sieht vielleicht dann ganz anders aus, wenn es fertig ist, das sind dann eben die individuellen Stempel, die der mit dem Werkzeug dem Material dann aufdrückt. Wichtig ist, dass er mit dem Ergebnis zufrieden ist, so wie es ist. Wie er es dann selbst hergestellt hat. Jeder ist seines Glückes Schmied, das ist was fürs Phrasenschwein, aber eben sehr wahr. Seit Jahrhunderten schon. Es ist immer leicht, die Verantwortung auf andere abzuwälzen, aber nichts ist schwerer, als die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Mit allen Konsequenzen. Sehen, wo die Stärken sind und die Schwächen akzeptieren, wenn man sie nicht beseitigen kann. Aber erst, nachdem man es versucht hat. An manchen Schwächen arbeitet man sein Leben lang, mit wechselndem Erfolg. Und zieht daraus neue Erfahrungen. Gut so. Ich bin für manche schlechte Erfahrung im Nachhinein dankbar, weil sie mir wertvolle Erkenntnisse gebracht hat. Und wenn es nur die Erkenntnis war, dass ich so was nie wieder will und dann wusste, wie ich es vermeiden kann.

Es gab Zeiten und damit auch Menschen in meinem Leben, die mir sehr geholfen haben. Durch das, was sie sagten. Weil ich es immer ernst genommen habe. Immer versucht habe, das für mich Anwendbare rauszufiltern. Und irgendwas war immer dabei. Sie hatten, wie ich heute, das Glück, es als Aussenstehende zu betrachten und konnten mich so „umleiten“. Also ich mich dann selbst. Und neue Wege zu beschreiten ist auf jeden Fall besser als immer im Kreis zu laufen. Obwohl man sich im Kreis sehr gut auskennt.

Wissen Sie, wovon ich rede? Macht nichts, ich bin einfach so ins Erzählen gekommen. Kann ich aber. Hier. Und auch diese Freiheit schätze ich. Und ich glaube, Sie wissen auch, wovon ich rede. Been there, richtig? Auf jeden Fall waren diese eineinhalb Stunden gute Lebenszeit. Mir geht es auch besser als noch eineinhalb Stunden vorher. Weil ich das Gefühl habe, dass diese Zeit gut investiert ist. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube nicht. Und wenn doch, ist das wieder eine neue Erfahrung. Für mich dann. Also gewinne ich so oder so. Jetzt und dann.

Ach ja: schönes Wochenende. Auch und gerade für alle, die jetzt in Aufbruchstimmung sind. Es wird sicher eine spannende Erfahrung. Und auf jeden Fall besser als noch vorhin.

17 Kommentare leave one →
  1. 8. Januar 2010 22:34:04

    Ja.
    Danke.🙂

  2. 8. Januar 2010 22:35:30

    Eine gelungene Gesprächsführung.
    Erinnert mich sehr an „Roger“

    LG
    Wolfgang

  3. 8. Januar 2010 22:36:43

    Ein sehr ’schöner‘ Beitrag.
    Mit so ein büschen Pipi in den Augen gelesen.
    Das ’schön‘ in Gänsefüßchen gepackt, weil es nicht so das wirklich passende Wort ist, mir aber auch kein anderes passenderes Wort eingefallen ist.
    Ach, Sie wissen schon, was ich meine.

    • 8. Januar 2010 22:38:52

      Ja, Sie wissen es ja auch. Also umgekehrt. Auch ohne passendes Wort die passenden Worte gefunden. Sie. Ach.🙂

  4. 8. Januar 2010 22:38:33

    Alles wahr.

    Wie sagt man? Thats what friends are for, oder?

  5. 8. Januar 2010 22:54:05

    ich bin davon überzeugt, dass es dem geholfenem nun deutlich besser geht und dass er dir sehr dankbar ist. manchmal braucht man eben solche partner zum reden…

    • 8. Januar 2010 22:56:24

      Wie sagte Herr @Curi0us so richtig? That´s what friends are for. Das weiß der Betroffene aber auch, glaube ich.

      Mein Tag ist ja dadurch auch ein bißchen schöner geworden. Alle gewinnen.

  6. Gabi + Otto permalink
    11. Januar 2010 12:43:04

    …und mein Tag ist durch Ihren Artikel ein bisschen schöner geworden… vielen Dank dafür.

  7. 11. Januar 2010 15:32:43

    Kann ich bei Ihnen mal blanko anderthalb Stunden vorbuchen? Wenn ich die mal brauche? Im Gegenzug kann ich Ihnen ja einen Gutschein fuer anderthalb Stunden ausstellen. (Die Telefonkosten koennten allerdings ein klitzekleines Problem darstellen…)

  8. 12. Januar 2010 11:04:29

    Madame, Sie sind unbestritten eine der besten neutralen Zuhörer- und Blickwinkeländerinnen des Weltes. Das ist Gold wert. Was immer man damit auch macht.

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