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49 Grad und es ging noch heisser… die Bahn kam

14. Juli 2010

Die 27 Hitzeopfer der Deutschen Bahn waren ja in aller Fernseher zu sehen, die Geschichte ist bekannt.

Was mich aber nach wie vor interessiert und wovon sehr wenig die Rede ist: warum hat eigentlich niemand die Notbremse gezogen? Spätestens als diese schwangere Frau am Kollabieren war und die Mutter des kleinen Jungen vergeblich versuchte, das ein Fenster mit dem Nothammer einzuschlagen und die Schülergruppe anscheinend sichtlich dehydrierte, stellt sich mir doch die Frage, warum keiner der Zugbegleiter die Entscheidung getroffen hat, der Hitzehölle ein Ende zu machen und den Zug zum Halten zu bringen. Oder einer der begleitenden Lehrer, die ja eine Aufsichtspflicht für die ihnen anvertrauten Schüler hatten. Wobei ich da eine Sorgepflicht mitreinrechne.

Hatte eine kurze Diskussion auf twitter, mit dieser Frage nach der nicht erfolgten Notbremsung.

Antwort:

„Was hätte man mit denen auf freier Strecke tun sollen? Die Bahn hätte beim nächsten Bahnhof halten sollen.“@tehabe

Man hätte sie zumindest aus einem Temperaturumfeld von 50 Grad in die draußen herrschenden 37 Grad verlagern können. Ein Unterschied von 13 Grad weniger wäre von die Menschen im Zug wahrscheinlich schon wie eine Abkühlung empfunden worden.
Die Vertröstung zum nächsten Bahnhof ist da sicherlich ausgesprochen worden. Zeit schinden. Keine Verzögerungen im Bahnverkehr verursachen. Ein Halt mitten auf der Strecke wäre natürlich mit weiteren Behinderungen aus Sicherheitsgründen verbunden gewesen. Dass das nicht im Sinne der Bahn gewesen sein kann, liegt nahe.

Die Verantwortung allerdings nur dem Bahnpersonal anzulasten

„Die Zugmannschaft sollte eigentlich immer wissen wie die Temperatur im Zug ist und entsprechend handeln.“ @tehabe

ist meines Erachtens falsch. Der Herr Kemnitz vom Fahrgast-Verband ProBahn sieht das ähnlich.

http://sueddeutsche.de/reise/hitze-chaos-bei-der-bahn-ziehen-sie-die-notbremse-1.973762

Aus der Mitverantwortung kann man sich auch als simpler Fahrgast nicht herausreden.
Spätestens nachdem es seitens der Passagiere zu sichtbaren Notzuständen kam, war die Betätigung der Notbremse gerechtfertigt. Wie der Name schon sagt, ist die Notbremse in Notfällen zu betätigen. Wenn Innentemperaturen von 50 Grad und zunehmend in Panik geratende Passagiere kein Notfall sind, weiß ich nicht, was sonst. Man muss natürlich die Entscheidung treffen. Einen ICE mitten auf der Strecke per Notbremse zu stoppen, ist jetzt nicht gerade etwas, das man so eben mal macht. Weil davon auszugehen ist, dass immense Kosten entstehen, die man sicherlich auf den Betätiger der Notbremse umzulegen versuchen wird. Denkt man sich so. Und das verursacht eine Beißhemmung. Und man hofft vielleicht, dass irgendjemand anders das sicher gleich machen wird. Hauptsache, man bringt sich nicht selbst in Schwierigkeiten. Auch für so eine Entscheidung braucht es Zivilcourage.

„Ich würde es trotzdem nicht auf den Fahrgästen anlasten, sondern der Bahn. Die Bahn ist dafür verantwortlich.“ @tehabe

Sicher ist die Bahn dafür verantwortlich. Aber nicht allein. Wenn ich an einem Badesee stehe und jemand droht zu ertrinken und ich könnte ihn retten und tue es nicht, ist das unterlassene Hilfeleistung. Analog dazu sehe ich den Aufenthalt in einem 50 Grad heißen Zugabteil, bei dem ich bemerke, dass Leute extremen Gesundheitsgefahren ausgesetzt sind. Wenn ich dann die Notbremse nicht betätige (meine Möglichkeit, die Gefahr zu entschärfen) und tue es nicht, unterlasse ich mögliche Hilfe. Das liegt ebenso in meiner Verantwortung wie in der der Zugbegleiter. Insbesondere, wenn die Zugbegleiter ihrer Verantwortung offenbar nicht nachkommen können. Oder wollen.

Also zurück zu meiner Ausgangsfrage: warum hat niemand (insbesondere die begleitenden Pädagogen) die Notbremse gezogen? Er/Sie wäre wahrscheinlich als Held gefeiert worden. Stellen Sie sich die Bilder vor: Dutzende von erhitzten Passagieren neben der Strecke, Krankenwagen, Polizei, daneben der ICE mit der defekten Klimaanlage, eine schwangere Frau, die sich tränenüberströmt bei dem/der Retter/in bedankt – niemals wäre diese Person in Regress genommen worden wegen der Kosten. Das nur nebenbei.

8 Kommentare leave one →
  1. 14. Juli 2010 10:00:03

    Sie deuten die Ursachen ja an: einerseits muss man befürchten, von der Bahn in Regress genommen zu werden. Und machen Sie sich da mal keine Illusionen: Sobald das Scheinwerferlicht aus ist und die nächste mediale Sau durchs Sommerloch getrieben wurde, wird die Bahn den Helden in Regress nehmen, oder es zumindest versuchen. Hätte ein Zugbegleiter die Notbremse gezogen, müßte er sich wohl in absehbarer Zeit einen neuen Job suchen.
    Andererseits mss man befürchten, von BILD, RTL II & Co. ins Rampenlicht gezerrt und als Held gefeiert zu werden. Und das will auch nicht jedermann, verständlicherweise.

    Das Ergebnis: Jeder hält sich bedeckt, niemand tut etwas. Bis einer heult. Oder stirbt.

    • 14. Juli 2010 10:04:08

      Ich in meiner bekannt spontanen Art hätte wahrscheinlich die Bremse gezogen und mich später um die Folgen gesorgt.

      Zivilcourage aber wird -wie man ja jetzt wieder im Fall des Münchner Opfers Dominik Brunner erleben muss- auch gerne mal nachträglich zu Ungunsten des Couragierten gedreht…😦

      Yep. Bis einer stirbt.

  2. Aquii permalink
    14. Juli 2010 18:25:21

    Grundsaetzlich habe Sie ja wieder Recht. Aber die Fragen, welche ich mir dabei stelle, warum wurden Zuege auf die Reise geschickt, die offensichtlich Defekte hatten. Das diese zutage kamen lag wohl an der Hitze. Welche Defekte haben die Transportmittel, von denen noch nichts bekannt ist, ausser das die Wartungsinterwalle verlaengert worden sind. Jeder PKW muss alle 2 Jahre bei einer Pruefstelle vorgefahren werden, bei Bussen und LKW’s sogar alle 12 Monate, nur die Bahn darf sich selbst kontrollieren?

    Und wenn ich schon beim Fragen bin, wieso ist es moeglich, dass 15 Minuten Wind und nachfolgend 10 Minuten Starkregen einen gesamten Verkehrsverbund von Koeln bis Dortmund lamlegen, sowie gestern? Und warum schauten die auf den verschiedenen Bahnhoefen die zahlreich anwesenden Mitarbeiter nur auf ihre Armbanduhren, anstatt alle Wartenden mit Informationen zu versorgen. Ich hatte gefragt, diese Servicemitarbeiter hatten Panik, dass sie ihren nahenden Feierabend verpassen.

    • 15. Juli 2010 07:43:43

      Habe heute gehört, dass die Klimaanlagen dieser Züge nur bis 32 Grad ausgelegt sind. Das nenn ich mal knapp kalkuliert..
      Von Triebwerksschäden über Achsbrüche – ist ja immer was los beim ICE. Dass man darin allerdings wie ein Brathähnchen auf höchster Stufe gart, war mir neu. Dachte, das beschränkt sich auf altertümlichere Gefährte oder den EC.

      Die Verlockung, in einem Sommer wie diesem ökologisch-politisch-einwandfrei dem öffentlichen Nahverkehr den Vorzug vor einem klimatisierten Auto zu geben, ist doch eher gering. Lieber stehe ich mit Klimaanlage im Stau, als gemütlich bei 40 Grad+ im Zug/der S-Bahn/dem Regionalexpress/dem Stadtbus zu sitzen.

  3. theswiss permalink
    14. Juli 2010 19:34:08

    Wenn die ‚Zuschauer‘ in einer Gruppe sind, wird keiner etwas unternehmen. Dann ist der „soll doch ein anderer“-Reflex zu stark. Es gab kürzlich einen Versuch, da wurde eine Frau auf offener Strasse handgreiflich angegriffen. Niemand kam ihr zu Hilfe, obwohl viele Leute da waren.
    Der Versuch wurde wiederholt, diesmal pickte sie sich einen Mann aus der Menge und bat ihn um Hilfe. Er ging sofort dazwischen.
    Das Problem ist wirklich, dass zuviele Leute betroffen waren und jeder auf den anderen wartete.

    • 15. Juli 2010 07:48:07

      Es gibt zu wenig „Macher“. Verantwortung weitergeben ist so schön bequem, man bringt sich nicht in Schwierigkeiten.

      Ich hätte wohl schon aus purem Egoismus und Selbsterhaltungstrieb zur Notbremse gegriffen. Es ist wohl auch nochmal schwieriger, sich in „Gefahr“ zu begeben, wenn man es selbst zu diesem Zeitpunkt nicht ist, in Situationen wie bei Dominik Brunner. Sich zu distanzieren, um sich selbst zu schützen, ist ja auch wieder anders als Nichtreagieren und deswegen selbst weiterleiden. Oder?

  4. 15. Juli 2010 10:27:56

    Ich war nicht dabei und ich habe mir die „Zeugenberichte“ nicht angeschaut, aber die letzen Monate war ich ja heftig mit der Bahn unterwegs.

    Ich hätte auch nicht die „Notbremse“ gezogen, mich aber gewundert warum von Bahnhof zu Bahnhof nichts passierte. Auf einer normalen Strecke (Sprinter ausgenommen) hält ein ICE ungefähr jede halbe Stunde in einem Bahnhof, wo man gefahrlos Abhilfe und/oder Erleichterung schaffen kann. Dies scheint nicht passiert zu sein oder keiner hat die Situation ernst genommen …das kreide ich der Bahn an.

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