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Reminiszenzen – Hommage

10. August 2010

Wenn man so an „früher“ zurückdenkt, an die Schulzeit, sucht man eigentlich immer irgendwelche aussergewöhnlichen Erinnerungen. Besondere Lehrer, besondere Mitschüler.
In der Kategorie „besonderer Lehrer“ erinnere ich mich nur an einen. Englisch- und Französischlehrer. Gefürchteter Disziplinator. Selbst die härtesten Schulschwänz-Cracks kamen zu seinen Stunden extra aus dem Café herbeigeeilt. Und wir waren kein leichter Jahrgang. Wir waren der ultimative Test für Referendare. Wer uns überlebte, war der angehende König des Lehrerzimmers.

Aber ER hatte uns im Griff. Hausaufgaben vergessen? Gott bewahre!
Wer eine simple ein-seitige Zusammenfassung von irgendwas vergessen hatte, konnte sicher sein, die nicht einfach nur nachreichen zu müssen. Nein, die wollte er dann in Lautschrift. An der Tafel. Ohne Spickzettel.
36 Mann standen stramm, wenn er das Klassenzimmer betrat. Obwohl er selbst maximal 1,65 m groß war – war er ein Riese. Ein Emotionsriese. Der nie schreien musste. Je leiser er wurde, umso bedrohlicher wurde die Situation. Der es schaffte, dass man sich nie vor der Klasse schämte, wenn man geschlampt hatte, sondern nur vor ihm und sich selbst. Aber es war wohl die Kombination aus extremer Präsenz und dem unglaublichen Wissen, dass dieser Mann hatte und auch zu vermitteln vermochte. Wir lasen nicht einfach nur so „Wuthering Heights“. Wir hörten das Album von Kate Bush dazu. Wir lasen nicht einfach nur Shakespeare, wir spielten Shakespeare. Seine Art, uns Wissen zu vermitteln, war ein Erlebnis, immer wieder. Er war stets tadellos gekleidet. Perfekt gebügeltes Hemd, passende Krawatte, die Haare lagen wie zementiert. Er trug elegante Uhren. Und jedesmal nach den Ferien legte er die Uhr zu Beginn der Stunde auf dem Schreibtisch ab. Man sah das weiße Band rund um den sonnengebräunten Arm. So wussten wir zumindest, er war dort, wo viel Sonne war. Er sprach nicht weiter darüber. Nie. Aber wir konnten es sehen. Das reichte ihm.

Und niemals gab er Persönliches preis. Sein Privatleben war strikt getrennt vom Schulleben. Als würde er eine Lampe ein- und ausknipsen. Andere erzählten vom Urlaub, von ihrer Familie, wir wussten nichts von ihm. Immer distanziert, immer reserviert, immer höflich. Diszipliniert, anspruchsvoll, unerbittlich. Er lachte selten. Dass er in den Ferien in den USA an der Summer School lehrte, erfuhr ich erst viel später. Er erwähnte allenfalls in einem scheinbar belanglosen Nebensatz, wo er war. Nicht, wie es war. Feuerland. Alaska. China. Keine Details.

Ich hatte Glück, ich gehörte zu seinen Lieblingsschülern. Was mir aber keinerlei Vorteile brachte, im Gegenteil. Von mir erwartete er immer mehr. Und ihn zu enttäuschen, war eine Katastrophe. Niemand in vergleichbarer Position hat mich vorher oder nachher gleichermaßen motiviert, angespornt, herausgefordert.

Als in der Oberstufe in den Leistungskursen Halbjahresarbeiten angesagt waren, war es ein großes Zittern, denn sie sollten vorgetragen werden. Vor der Klasse. Und ihm. Eine Rundreise durch die englische und amerikanische Literatur. Oscar Wilde, D.H. Lawrence, John Steinbeck … und ich kriegte Nathaniel Hawthorne. The Scarlett Letter. Aus dem Jahr 1850. Nichts, worüber man sich damals mal eben schnell die beliebten „König’s Erläuterungen“ schnappte und das Buch schon mal gar nicht mehr hätte lesen müssen, um irgendwas zusammenzukritzeln. Was bei ihm ohnehin sinnlos war, er kannte sie ALLE.

Ich sage Ihnen, das war ein hartes Stück Arbeit. Und dann verrann die Zeit, viele Termine, wir kamen einfach nicht zu den Vorträgen. Alle atmeten auf, als nach dem Abgabetermin keinerlei Ansagen über die Vorträge kamen. Drei Tage vor den Zeugniskonferenzen kam er ins Klassenzimmer, legte mir meine Halbjahresarbeit hin und teilte mir mit, dass ich, da ich ja sicher so intensiv an dem Thema gearbeitet hätte, jetzt 20 Minuten Zeit hätte, um mir Stichworte zu machen und dann bitte über Hawthorne referieren möge. Was habe ich ihn in diesem Moment gehasst! Ich, die ich ohnehin Vorträge bei Gruppenarbeiten damit vermied, dass ich mich sofort zum Schreiben von Protokollen, Folien etc. meldete. Vorträge und ich sind wie … Feuer und Wasser. Gehen nahtlos in Blut und Wasser über. Schwitzenderweise. No mercy. Ich musste durch. Während alle anderen vor Erleichterung erschlafft in ihren Stühlen hingen.

Ich erinnere mich noch, wie er eines Tages ins Klassenzimmer kam und erzählte, er habe mit einem Bekannten gewettet, er würde innerhalb von 14 Tagen so viel Italienisch lernen, dass er sich fließend im Alltagsgespräch unterhalten könne, Er konnte vorher kein Italienisch. Nach 14 Tagen brachte er einen italienischen Schüler mit (den er nicht als Lehrer hatte) und ließ sich von ihm beurteilen. Perfekt.

Er studierte Anglistik/Romanistik für das Lehramt an Gymnasien an den Universitäten Tübingen, Aix-en-Provence, Leicester und der Sorbonne. Was er tat, war perfekt. Und wieviel ich von ihm gelernt habe, kann ich immer noch heute ermessen. Ein halbes Jahr nach dem Abitur besuchte ich ihn. Um ihm für das zu danken, was nicht auf dem Abiturzeugnis stand. Dafür, dass er mich begeistern konnte. Dass er mich disziplinierte, als es besonders schwierig war, das zu tun. Dass er mehr von mir erwartete als ich es selbst tat.
Er spielte gerade Cello.

Edit: Natürlich habe ich in Zeiten des Internets herausgefunden, was er heute tut, wo er ist. Und natürlich ist es nicht irgendwas, sondern was Besonderes. Und natürlich spricht er mittlerweile vortragsreifes Spanisch und ebensolches Portugiesisch. Und genauso wie damals würde ich nie veröffentlichen, was er genau tut. Vielleicht schreibe ich ihm ja mal. Oder schicke ihm den Link. Womöglich wäre er aber enttäuscht, dass nichts Außergewöhnliches aus mir geworden ist. Und ihn zu enttäuschen, war mir ja schon damals ein Greuel….

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