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Mein Vater hat immer gesagt…

7. März 2011

Kind, wenn Du schon lügst, dann mach es wenigstens so, dass ich nicht das Gefühl habe, dass Du mich für blöd hältst.

Meine Eltern waren nicht so naiv zu glauben, dass ihre Tochter nie schwindelt, um die kleine harmlose Schwester von Lügen zu verwenden.

Aber das Zitat war meines Vaters Prämisse. Nichts hätte ihn mehr geärgert, wenn eins meiner Schwindelkonstrukte so angelegt gewesen wäre, dass es bei Aufdeckung eine Beleidigung seiner Intelligenz gewesen wäre. Dass ich so unkreativ und wenig bemüht bei der Planung vorgegangen bin in der Annahme, dass er zu dumm ist, das zu checken und mir eh nie drauf kommt und ich mir deswegen auch keine Mühe geben muss.

In meinen wilden Zeiten gab es eine Disco, die war sowas wie „Kneipa non grata“ in aller Eltern Augen. Und natürlich sollte ich da nicht hin. Und natürlich habe ich es trotzdem getan. Und die kompliziertesten Alibis drumherum gewickelt, die ich so konstruieren konnte. Die auch abgefragt wurden. Wasserdicht hinterlegt. Und dennoch kam mein Vater dahinter durch einen blöden Zufall und sprach mich darauf an. Hatte die Wahl, weiter zu versuchen, mich rauszureden, aber ich gab es auch sofort zu, gefangen, gehangen. Erwartete ein Donnerwetter vom Feinsten, aber das blieb aus. Lediglich die Feststellung, dass er bereits wußte, dass ich über meine Samstag Abend Aktivitäten nicht die Wahrheit gesagt hatte. Dass er aber dennoch einen gewissen Respekt vor meiner akribischen Planung habe und das ohne den Zufall das nie herausgekommen wäre. Aber am meisten spräche für mich, dass ich nicht versucht hätte, mich weiter rauszuwinden.

Natürlich gab es zwei Wochen Wochenendausgehverbot. Und Dauerküchendienst in dieser Zeit. Aber kein Donnerwetter. Damit war das Thema durch.

Warum ich das erzähle? Wäre Karl-Theodor meines Vaters Sohn gewesen, hätte er gelernt, dass das Lügen per se noch keine unheilbare Katastrophe ist, weil wir alle schon gelogen haben und es sicher auch wieder tun. Dass aber das Lügen dann zu einer unheilbaren Katastrophe wird, wenn man erwischt wird und dennoch weiter lügt. Dass man den, den man belogen hat, auch noch zusätzlich beleidigen kann, in dem man ihm das Gefühl vermittelt, man hielte ihn für so dumm, dass er das nicht erkennt, obwohl es offensichtlich ist.

Mein Vater hat mir beigebracht, dass es für ihn kaum einen Fehler gibt, den er nicht verzeihen könne, aber dass er erwarte, dass man zu seinen Fehlern steht. Und zwar kompromisslos von vorneherein. Ohne Beschönigung. Einfach sagen: ich habe Mist gebaut, ich weiß, dass ich das nicht hätte tun sollen,  ich habe es trotzdem gemacht, weil ich dachte, damit komme ich durch/es passiert schon nichts/es schadet ja keinem/es ist doch nicht so schlimm. Ich habe mich geirrt, das war falsch und es tut mir leid. 

Was mich betrifft -und nur was mich betrifft- hätte Karl Theodor z.G. an dem Tag des ersten Interviews zu den ersten „freigelegten“ Passagen seiner Doktorarbeit einfach Farbe bekennen sollen. Freimütig, unverhohlen, klar und deutlich. „Ja, ich habe mit unlauteren Mitteln damals meine Doktorarbeit gestaltet, ich war überfordert und wusste mir nicht anders zu helfen. Ich hätte niemals zu diesen Mitteln greifen dürfen, das weiß ich heute auch und es tut mir leid. Ich bitte die Universität Bayreuth um sofortige Aberkennung des Titels und werde diesen selbstverständlich ab sofort nicht mehr führen, weil ich ihn mit unlauteren Mitteln erworben habe. Ich bitte Sie alle um Entschuldigung und hoffe, dass Sie mir dennoch weiter Ihr Vertrauen schenken können. Ich darf das nicht erwarten, ich darf es nur hoffen.“

So, in dem Stil etwa. Und ich hätte gedacht, hey Kalle, das nenn ich aber mal Arsch in der Hose. Best defense is offense. Da hätte ich gedacht, dass das meinem Vater „gefallen“ hätte. Die Täuschung an sich war damals, als das Internet noch nicht so verräterisch war, ja relativ wasserdicht.

Aber was Karl-Theodor stattdessen gemacht hat, diese Salamienthüllungstaktik, war eine Beleidigung an den Intellekt derer, die sich um Aufklärung und Klarstellung bemühten. Ist eigentlich auch eine Beleidigung in Richtung der vielen Guttenberg-Befürworter, die immer noch nicht begreifen wollen, was genau der Herr zu Guttenberg falsch gemacht hat. Er hält sie für dumm genug, nicht zu begreifen, was eigentlich der wirklich fatale Fehler war. Nicht in erster Linie der Betrug an der Doktorarbeit, obwohl das natürlich schlimm genug war. Sein Verhalten danach ist der Grund, warum ich ihm das nicht verzeihen kann: er hielt uns alle für gläubige BILD-Leser, denen man einfach alles erzählen kann und bei denen man mit jeder noch so abstrusen Lüge durchkommt. Bei vielen hat er bis heute Recht behalten. Bei vielen anderen nicht. Und die haben ihn letzten Endes eines Besseren belehrt, weil sie ihm das -jenseits des wissenschaftlichen Betrugs- noch mehr übel genommen haben als alles anderes. Zumindest ging es mir so. Mein Vater hatte eben Recht.

Edit: Damit man mich nicht falsch versteht (was direkt dem Herrn Curi0us auch passiert ist) hier eine Ergänzung:

Mein Wochenendausgehverbot und der Dauerküchendienst damals sind in natürlich der Vergleich zum Rücktritt vom Ministeramt. Der Schwere des Vergehens angepasst. Mir ging es nur darum, wie Karl-Theodor wenigstens mit Arsch in der Hose aus der Nummer hätte abgehen können. Dass er gehen musste, ist für mich unstrittig, nur die Art und Weise war dann auch noch sehr armselig.

24 Kommentare leave one →
  1. 7. März 2011 10:11:30

    Hmm….

    Ich bin verlockt „Ja, da haben Sie, wie so oft, Recht“ zu schreiben. Und für die allermeisten Fälle haben Sie das, denke ich, auch.
    Aber irgendwie weiß ich nicht, ob ich diese Art der Verteidigung jemandem wie dem Guttenberg wirklich ‚zugestanden‘ hätte.

    Irgendwie steht und fällt sowas für mich einfach auch mit dem Anspruch, den man an andere stellt. Und die waren beim Herrn Ex-Verteidigungsminister-Ex-Doktor-Ex-MdB einfach so hoch… Nee.

    Und, um in Ihrem Beispiel zu bleiben: Wochenendausgeverbot und Dauerküchendienst sind im Falle eines Ministers dann eben auch mal Rücktritt (da die Kanzlerin ähnlich wenig ‚Arsch in der Hose‘ hat, wie der Ex-Sie wissen schon, gab es ja leider keine Entlassung).

    P.S. Und die Entschuldigung (mit Arsch in der Hose) darf halt dann trotzdem nicht vor dem restlichen rechtlichen Dingens schützen, Urheberrecht etc..

    • 7. März 2011 10:16:04

      Mein Wochenendausgehverbot und der Dauerküchendienst sind in Relation gesehen ein Rücktritt vom Ministeramt. Der Schwere des Vergehens angepasst. Mir ging es nur darum, wie Karl-Theodor wenigstens mit Arsch in der Hose aus der Nummer hätte abgehen können. Dass er gehen musste, ist für mich unstrittig, nur die Art und Weise war dann auch noch sehr armselig.

      Vielleicht sollte ich das ergänzen, damit man mich nicht missversteht?

      • 7. März 2011 10:18:41

        Ah, jetzt. Okay, ich denke, dann sind wir auch wieder einer Meinung🙂
        Die Ergänzung hätte mir wenigstens geholfen.

        Und.. stimmt schon, mit Arsch in der Hose hätte ich sicherlich auch eher und mehr Respekt aufgebracht, als so.

  2. Chef :o) permalink
    7. März 2011 10:33:53

    Uiiii … welche Disco war das?

    Candy? Nero? BigApple? Aoxomoxoa?

    Heididei, da werden Erinnerungen wach :o)

    • 7. März 2011 10:36:34

      Das Candy natürlich, diese böse, böse Lotterhöhle voller böser, böser Dinge🙂

      • Chef :o) permalink
        7. März 2011 10:43:23

        Stimmt, besonders Donnerstag´s immer gaaaanz böse und laaaauuut :o)

        Flotten Tag, junge Frau!

  3. 7. März 2011 10:36:02

    Was den öffentlichen Auftritt von KTs Vater anbetrifft, es wundert mich jetzt nicht das der Sohn sich so dargestellt hat.

  4. 7. März 2011 10:37:28

    Ich glaube, auch mit Arsch in der Hose hätte er nicht mehr Respekt bekommen. Zunächst einmal: wo soll der Arsch in der Hose schon herkommen? Der Mann hat gehandelt, wie er gehandelt hat, weil er felsenfest glaubt, daß ihm alles zusteht, kraft seiner adligen Herkunft. Der Rest der Welt ist dazu da, ihm zu dienen. Ich glaube, er hat nicht einmal selbst copy & paste betrieben, sondern einen Ghostwriter machen lassen – zu einer Zeit, als man noch vermuten durfte, damit durchzukommen, da das Internet noch nicht in Echtzeit durchsuchbar war. Sozusagen fucked by technology.

    Zum anderen hat er die Legionen von Deppenfans, die ihm so oder so die Stange halten, solange er nicht gerade auf dem Dorfplatz ein Kind schlachtet und grillt. Dieses Intellektuellengewichse einer Doktorarbeit ist doch sowieso sinn- und wertlos, da hat der gute Junge halt geschummelt, ja mein Gott! Ist ja nicht so, als ginge es hier um ehrliche Arbeit, bei der man sich die Finger drecking machen muß.

    • 7. März 2011 10:42:59

      En Detail haben Sie natürlich Recht, aber selbst dann wäre er -optisch jedenfalls- aus der Nummer in meinen Augen besser rausgekommen, wenn er gleich die Karten auf den Tisch gelegt hätte. Was er halt als der Karl-Theodor, der er nun mal ist, eben nicht kann.

      Die Deppenfans kann ich allerdings wirklich nicht begreifen, denn der Rückschluß von einer geklauten Doktorarbeit zu einem unrechtmäßig eingelösten Leergut-Bon, der zur Kündigung einer Kassiererin führt, ist doch nicht zuviel verlangt?
      Nun wissen ja auch regelmäßige Lindenstrassen-Seher, dass die Mitnahme eines nicht verkauften Brotes eine Bäckereifachverkäuferin den Job kostet.

      Andererseits, hätte er den Arsch in der Hose gehabt, wäre man vielleicht nicht weiter in ihn und seine Aktivitäten gedrungen und fände jetzt nicht fast täglich eine neue kleine Anekdote aus der Rubrik „Adel vernichtet… Glaubwürdigkeit“.

  5. 7. März 2011 10:40:01

    Lügen haben kurze Amtszeiten. Oder so.

    • 7. März 2011 10:45:19

      Leider noch nicht alle. Aber ich glaube, das wird noch. Eng. Für den einen oder anderen.

  6. Adama permalink
    7. März 2011 13:19:49

    Hatte Ihr wehrter Herr Vater auch das Bedürfnis Sie über die Feststellung des Tatbestandes und der Verhängung der entsprechenden erzieherischen Maßnahme Dritte, wie etwa Verwandte oder den Wiesbadener Kurier zu Bemühen und mit der Bekanntgabe damit bis unmittelbar vor der Abiturprüfung zuzuwarten?
    Politik ist ein dreckiges Spiel und ich will gar nicht wissen wie viel Geld und Geldwerte Vorteile geflossen sind dass das so gut geklappt hat. Auch nicht klar ob das überhaupt ein politischer Gegner war.

    Darum finde ich eine Be- und Verurteilung des KTzG schwachsinnig weil gar nicht vergleichbar. Und was eine so von mir geschätzte Person wie Sie dazu treibt sich darüber in Dauerschleife zu ereifern bleibt wohl eh ein Geheimnis.

    • 7. März 2011 13:33:25

      Da ich keine Person des öffentlichen Lebens war/bin, ergab sich da nicht so eine Notwendigkeit wie bei Karl-Theodor z.G.

      Dann reduzieren Sie einfach auf Lügen und Betrügen: wer erwischt wird, hat mit Konsequenzen zu rechnen, wer sich dazu auch noch armselig rausredet, macht sich überdies noch lächerlich. Für dieses Statement muss ich nicht mal einen Vergleich bemühen.

      Das mag ein Geheimnis für Sie bleiben, ich finde es weniger geheimnisvoll, wurde ja nicht nur im kleinen Kreis erörtert, das Thema und interessiert mich als wählenden Bürger, der den Guttenberg mal gar nicht so übel fand, dann doch.

      Warum das allerdings für Sie so ein Rätsel ist, wundert nun wieder mich.

  7. 7. März 2011 13:54:35

    Ist ja witzig. Genau das Gleiche habe ich auch schon zu Sohn gesagt. Daß ich erst richtig sauer werde, wenn er sich für seine Geschichten keine Mühe gibt und mich für blöd hält. Und daß er um Gottes Willen zugeben soll, wenn ich ihm draufgekommen bin. Wegen Verantwortung und so.

    Ich dachte schon, ich wäre alleine…🙂

    • 7. März 2011 13:57:22

      Absolut nicht. Und genauso wie Tochter das Prinzip verinnerlicht hat, wird das Sohn wohl auch tun.
      Man sieht ja in vielen Angelegenheiten erst als Erwachsener den wahren Sinn der Maßnahme ein. Als Jugendliche fand ich meinen Vater mehr als einmal für Heranwachsende untragbar, aber mittlerweile würde ich fast alles genauso machen🙂

  8. 7. März 2011 14:36:28

    In der Art hätte es Stil bewiesen.

    Aber so bleibt nur zu sagen;
    „Gewogen, gemessen, und für zu leicht befunden.“

  9. 7. März 2011 23:55:20

    Liest man Volker Zastrows brillianten Text Wie Ken den Kopf verlor und Ihren sehr privaten und gerade deshalb so zutreffenden Text, hat man eigentlich alles über den Fall Guttenberg gelesen, was man wissen muss, um die Geschichte einzuordnen.

    • 8. März 2011 07:33:35

      Das war ja nur mal die Sicht weg von der Politik zu den Basics. Zumindest das, was man mir versucht hat beizubringen.
      Danke für den Link, interessanter Artikel!

  10. 10. März 2011 07:47:29

    Yepp, genauso ist es. Und genau die Lüge auf der Schwelle , als Lüge schon längst obsolet war, und meiner Meinung auch die Stellungnahme vor selektierter Presse, waren das eigentliche Vergehen. Und mich wundert heute noch im Nachgang, wie so gar nicht, dass in der Presse thematisiert wurde.

  11. 13. März 2011 21:02:03

    Immerhin muss man ihm doch zugestehen, dass er das mit der Salamitaktik schnell gelernt hat. Altgedientere Politiker hätten das auch nicht besser hingekriegt.🙂

    Aber wenn er gleich reinen Tisch gemacht hätte, hätte man ihm wirklich noch etwas Respekt zollen können. So ist er nur eine traurige Lachnummer.

  12. Johannes permalink
    15. November 2011 13:00:56

    Ich glaube Gutenberg hat Glück gehabt im richtigen Jahrhundert geboren zu sein. Zu Zeiten als „Johannes Gutenberg“ noch lebte, wäre Karl-Theodor’s Kopf auch physisch gerollt.

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