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One love, two horses

21. Juni 2011

Damals, 1997, wollte ich eigentlich gar kein Pferd. Das ist jetzt mal ein „eigentlich“, das berechtigt ist, das wissen viele meiner regelmäßigen Leser. Ich wollte eigentlich eine Reitbeteiligung. Das ist das, wo man einen übersichtlichen Geldbetrag im Moment dafür bezahlt, an festen Tagen in der Woche ein Pferd zu reiten. Ohne weitere Verpflichtungen. Einfach nur nach bestem Wissen und Gewissen kümmern und die unangenehmen Dinge wie Tierarzttermine, Hufbeschlagtermine und Besuche sonstiger Rechnungsaussteller dem Besitzer überlassen zu können. Keine Entscheidungen zu treffen, sondern allenfalls Beobachtungen dem Besitzer mitteilen und diesen entscheiden zu lassen.

Dieses Rundum-sorglos-Paket genoss ich nicht einmal ein Jahr, als der Besitzer meines Reitbeteiligungspferdes sich entschloss, das Rundum-Sorgen-Paket seinerseits gewinnbringend auf den Markt zu werfen. Gewinnbringend vor allem in zeitlicher und finanzieller Hinsicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Herz schon verloren an diesen fellnasigen, dickköpfigen, großherzigen, wunderschönen jungen Mann und da kam es, wie es kommen musste. Pferdebesitzer. Ich. Mit allem pi und pa.

Die 14 Jahre, die zwischen dieser Entscheidung und heute liegen, erspare ich Ihnen mal, nur soviel: die Aufwendungen des täglichen Unterhalts und sonstiger Kosten dürften mittlerweile eine kleine Eigentumswohnung in bester Kurstadtlage finanzieren. Ich möchte es nicht näher konkretisieren, ich habe Angst, dass die Flut meiner Tränen meinen Rechner vernichtet. Und wissen Sie was? Ich bereue nichts. Keinen Euro und keinen Tag. Sicher hätte ich das Geld auch für Urlaube ausgeben können. Einmal drei Wochen im Jahr zur Entspannung in exotische Gefilde. Um sich exotische Krankheiten zu holen, gebratenen Hund oder Katze zu kosten, ausgeraubt zu werden, von Time- Sharing- Banditen gekapert zu werden … nix da. Ich hatte quasi jeden Tag Urlaub. Auf dem Land. An der frischen Luft. So ähnlich wie autogenes Training, 365 Tage im Jahr.

Und den mit dem besten Freund von allen. Der glücklicherweise nicht mit dem Schwanz wedelt, wenn er mich sieht, sich aber dennoch sichtbar und ehrlich über meine Ankunft freut. Jeden Tag. Der mich in ganz dunklen Stunden getröstet hat, wo Worte ohnehin nicht geholfen hätten. Mit dem und durch den ich während meiner Turniersportzeit viele großartige und/oder seltsame Menschen kennengelernt habe. Mit dem ich entdeckt habe, dass auch Deutschland schöne Ecken hat, im Allgäu oder im Schwarzwald oder in Franken, und es nicht immer Hawaii sein muss. Der meine tägliche Hektik auf seine eher schlichten Ansprüche runterregelt. Dach überm Kopf bei schlechtem Wetter, drei Mahlzeiten täglich und ein bisschen Entertainment. Der mich gelehrt hat, mich selbst zu disziplinieren und mein zuweilen explosives Temperament zu zügeln im Rahmen unserer Kooperation. Der nie seinen eigenen Kopf aufgegeben hat, aber immer bereit war für Teamwork.

Ich habe immer bedauert, dass wir uns erst kennengelernt haben, als er schon sechs Jahre alt war und habe immer mal sinnierend auf das Fohlenbild geschaut, das mir sein Züchter zur Verfügung gestellt hatte und gedacht, wie schade das ist, dass ich diese Zeit nicht erlebt habe.

Und nun kommt eine Stallkollegin mit so einer kleinen Kröte an, die sein Klon sein könnte. Optisch wie charakterlich. Das alles halt noch in klein. Ein kleines Pferd. Mit dem selben Dickkopf, dem neugierigen und stürmischen Wesen, der gleichen Affinität zum Wesen Mensch. Und bei diesem kleinen Kerl ist mein Senior nun „Erziehungsberechtigter“. Vielleicht erklärt er ihm schon, wie man die Zweibeiner zum Wahnsinn treiben kann oder ihnen außer der Reihe ein Leckerli entlocken. Wie man Stallboxentüren öffnet und Aufmerksamkeit heischt. Mit welchem Bambi-Blick man bei „Verfehlungen“ guten Wind machen kann und was man sonst so im Pferdealltag braucht.

Und weil die Besitzerin anderweitig sehr stark eingebunden ist, ist er seit gestern auch ein bisschen mein kleines Pferd. Erziehungsberechtigung an den Wochenenden. Und irgendwie sehe ich meinen Lieblingsmann dann doch jetzt noch nachträglich aufwachsen. Das freut mich.

11 Kommentare leave one →
  1. 21. Juni 2011 15:18:23

    Aha, ein Katzenblog im Tarnmantel. Aber nichtsdestotrotz: andere Leute legen sich andere Eurovernichter zu. 😉

    • 21. Juni 2011 15:24:58

      Sie haben doch schon den Nachwuchs für Pferdecontentblogs am Start. Warten Sie nur, bis die ambitionierte junge Dame loslegt😉

  2. Adama permalink
    21. Juni 2011 15:32:34

    Verehrteste! Ich hätte es nicht anders getan und letztendlich habe ich es ja auch nicht. Bereut habe ich es ja auch nicht.
    Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit den Beiden und wenn Sie Hilfe brauchen melden Sie sich einfach.
    Coole Entscheidung.

    • 21. Juni 2011 15:34:15

      Sie verstehen mich. Was mich nicht wundert. Hm, vielleicht sollte ich es statt mit Erdbeeren mal mit einem Hilferuf versuchen….😉

      • Adama permalink
        21. Juni 2011 16:12:58

        Der Ruf der Erdbeeren? Den habe ich allerdings noch nicht gehört. Ich hätte ihn bestimmt gehört hätten sie denn gerufen!

  3. theswiss permalink
    21. Juni 2011 21:05:11

    Ich hab mal gesehen, we ein junger Labrador bei unserem alten Labrador abgeschaut hat, wie man trotz Wellen in den See kommt. Sie werden noch viel Spass haben mit dem Duo! Vielleicht gehen sie ja beim nächsten Ausbruch ins Kino ..

    • 22. Juni 2011 12:15:43

      Ich bin ja schon froh, dass sie kein Handy bedienen können, sonst hätten sie sicher schon bei Amnesty beschwert, wenn das Futter mal später ist.

      Aber das macht schon Spaß mit den beiden.🙂

  4. 21. Juni 2011 21:50:04

    In Abwandlung des Sprichwortes „Ein guter Herr hat kein schlechtes Pferd!“:
    Eine guter Mensch hat kein schlechtes Pferd. Und auch keine zwei schlechten Pferde.

    Es ist schön, die Betrachtung einer nichts bereuenden, bedingungslosen Leidenschaft zu lesen. Danke dafür.

    • 22. Juni 2011 12:17:53

      Das lag mir schon tagelang auf dem Herzen, die zwei sind echte Sonnenscheine.

      Wie Sie sagen, je ne regrette rien und ich freue mich jeden Tag aufs Neue.
      Habe ja die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Sie sich selbst mal überzeugen kommen😉

  5. 29. Juni 2011 08:54:27

    Gehe ich absolut mir. In meiner Stute steckt mittlerweile eine Menge Geld, aber die Freude die sie mir in den Jahren gebracht hat, kann mir kein Urlaub dieser Welt geben. Glaube ich einfach nicht.
    Das Erlebnis nach jahrelanger Angst vor jeder Stange, die nicht auf dem Boden liegt, über einen A-Oxer zu fliegen, weil das beste Pferd der Welt die Sache in die Hand genommen hat, ist unbeschreibbar.
    Und für die Zukunft ruht meine ganze Hoffnung in ihrem Sohn. Bei dem ich übrigens all die Fehler in der Erziehung und Ausbildung nicht machen werde, die ich bei der Mutter gemacht habe.
    Aber wahrscheinlich eine Vielzahl neuer…

    So oder so, bei „je ne regrette rien“ nicke ich zu diesem Thema mehrfach deutlich.

    • 29. Juni 2011 10:46:56

      Habe ja die Fohlenwerdung auf twitter ein bisschen verfolgt, kann das alles jetzt besser nachvollziehen durch den kleinen Pflegefohlemann, der jetzt auch in den eventuell für ihn zweifelhaften Genuß meiner langjährigen Erziehungserfahrung kommt🙂

      Ich kann mir ein Leben ohne vieles vorstellen, aber keins ohne den Senior, rückwirkend auch nicht. Irgendwann wird es so sein, aber dann tat mir nichts leid. Kann man ja auch nicht von allem so sagen, was man so fabriziert.

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