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Manchmal überholen einen die Ereignisse: Dresden, Pyro und der DFB

4. November 2011

Überraschung! Keine Gästefans aus Dresden am Millerntor!

Das ist natürlich keine Überraschung, zumindest für die nicht, die es haben kommen sehen, dass die Vereine nach den Vorkommnissen in Dortmund jetzt zum Handeln mehr oder weniger gezwungen sind. Das dürfte erst der Anfang von Sanktionen sein, die nicht mehr der DFB auferlegt, sondern die auf „freiwilliger“ Basis von den Vereinen selbst getroffen werden. Zu diesem Vorfall übrigens, falls Sie ihn noch nicht gelesen haben, ein hervorragender Bericht eines Dynamo-Fans vor Ort bei spox.com hier -Achtung, unten gehts per Link zu Teil 2.

Dass die Initiative pro Pyro weder lang- noch mittelfristig Aussicht auf Erfolg hatte, war mir auch schon vorher klar. Bei der herrschenden Gesetzeslage und angesichts der Tatsache, dass trotz der Unterzeichnung vieler Ultra-Gruppierungen und der angeblichen Gesprächsbereitschaft des DFB sich bis heute keine zählbare Mehrheit von Stadiongängern manifestiert hat, die die Forderungen nach Fan- Folklore unterstützen, war absehbar, dass auch die fünf Spieltage „Ruhe“ zu nichts führen würden. Interessant übrigens, dass es in den Ruhetagen offensichtlich auch gelungen ist, die Verstrahlten, auf die man ja sonst angeblich keinen Einfluss hat, von der Zündelei abzuhalten. Was ja sonst nicht geht. So sagt man.

Dynamo Dresden kommt mit der freiwilligen Gästekontingentrückgabe nur einer weiteren Strafe des DFB zuvor, die durchaus auch Platzsperre oder Geisterspiel hätte heißen können. Also quasi eine deutlich billigere Form des vorauseilenden Gehorsams. Da davon auszugehen ist, dass beim Spiel am Millerntor die Gästekarten dankbare Abnehmer finden werden, wird wenigstens die Entschädigungskasse nicht sonderlich belastet.

Als positiven Nebeneffekt würde ich mir wünschen, dass die „unechten“ Fans, die in mit der Entscheidung mitgestraft wurden, ihren Ärger auf die Verursacher richten und nicht wie sonst die Aktionen in ihren Gästeblöcken achselzuckend hinnehmen. Die vielzitierte Selbstreinigung in den Fankurven sollte nicht immer nur im Bereich der „echten“ Fans stattfinden, sondern ruhig mal überlappen von denen, die es bisher schweigend duldeten.

Vielleicht wird dann ja auch mal deutlich, dass eben NICHT 90% der Stadiongänger entweder pro Pyro oder zumindest egal Pyro sind, wenn sich die schweigenden Resignierer aus Besorgnis über ihren nächsten abgesagten Stadionbesuch auswärts mal erheben.

Was kommt denn als Pro Pyro-Argument? Reden sollen sie, reden. Gepräche, runde Tische. Seit Jahren wird geredet und es ändert sich … nichts. Sozialpädagogisch fundierte Fanbeauftragte versuchen der Probleme Herr zu werden und werden nur von denen verstanden, die es auch ohne die Vermittler begriffen hätten. Die, an die die Botschaften gerichtet sind, haben offenbar keine Rezeptoren. Überall wird gewehklagt ob der Kollektivstrafen, die es wahrscheinlich in der nächsten Zeit auch häufiger geben wird.

Die, die gegen die Kollektivstrafen sind und meinen, die Probleme ohne Restriktionen in den Griff bekommen zu können, mögen mir doch mal konstruktive Vorschläge machen. Realisierbare konstruktive Vorschläge. Nicht immer nur „dies wollen wir nicht, das wollen wir nicht, reden müssen wir, keine Restriktionen, keine Strafen, keine personalisierten Karten, keine erhöhte Polizeipräsenz, bitte auch keine Kameras im Block und keine erhöhten Einlasszeiten wegen intensiverer Durchsuchung und auch nicht mehr Ordner im Block, keine Strafenweitergabe, kein Dies, kein Das.“ Ja, was denn, Herrschaften? Gänseblümchen von der religiösen Bewusstwerdungskirche verteilen und auch die andere Wange hinhalten? Bei Brandopfern den anderen Rücken?

Ich möchte mich nicht mit dem Gästeblock solidarisieren, der aufgrund der eigenen Entscheidung der Vereinsführung von Dynamo Dresden leer bleibt. Die Entscheidung wurde von den „echten“ Fans hart erarbeitet. Ehrlich gesagt kann ich auf solche Gäste verzichten. Nicht auf die paar, die harmlos dabeistehen, aber letztendlich auch auf eben die Paar, die sich nicht positionieren. Die sich nicht klar und deutlich abgrenzen. Zusammenfassend gesehen fehlt mir also keiner. Genauso wenig, wie mir die Rostocker seinerzeit gefehlt haben. Der Beweis, dass schöne Auswärtsfahrten ohne Ausschreitungen, Randale, Pyroaktionen und andere Ausfälle möglich sind, ist das Spiel Union Berlin vs. St. Pauli am vergangenen Wochenende. Fragen Sie meine Bezugsgruppe. Oder suchen Sie nach skandalösen Schlagzeilen oder reißerischen Bildern. Sie werden wahrscheinlich nur diese eine finden. Ein besoffener Honk. Es geht also auch friedlich. Fröhlich. Emotional.

Ich nehme weder Bengalos mit ins Büro noch mit ins Bett, um emotionale Momente zu feiern und unterstütze keine Minderheit –und für mich bleibt eine fast ausschließlich von Ultra-Gruppierungen und Ultra-Sympathisanten unterstützte Initiative eine Minderheit, bis man mir das Gegenteil beweist-, die mir hochgefährliche, bis 2000 Grad heisse Feierobjekte näherbringen will. Sondern jeden, der das verhindern will. Und ganz sicher solidarisiere ich mich weder optisch noch verbal mit einer Kurve, die aufgrund des vom Gästeverein zurückgegebenen Gästekontingents leer ist bzw. aufgefüllt wird mit Heimfans. Die Auswärtsfangemeinschaft erntet, was sie gesät hat bzw, was sie in großen Teil nicht versucht hat, zu unerbinden. Man hat es lange mit Reden versucht, der Effekt war gleich Null. Mal sehen, was bei den neuen Methoden rauskommt. Immer davon ausgehend, dass Vereinspräsidenten auch mal den Schneid haben, für eine Weile die unbeliebtesten Menschen bei Ultras und Konsorten zu sein. Sowas muss man dann auch mal aushalten können. Ich kenne einen, der es konnte. Der ist leider nicht mehr da.

Update: und während ich noch überlege, ob und wo ich diesen Artikel veröffentliche, denkt der DFB ernsthaft über eine DFB-Pokalsperre für Dresden nach. Was ich nun auch wieder für den wilden Aktionismus halte, den man vom DFB kennt. Nun könnte man den Dresdnern, die sich offenbar entschlossen haben, ohne Mithilfe vom DFB Maßnahmen zu ergreifen, ja auch mal zeitlich etwas Gelegenheit geben, um zu ergründen, ob diese Maßnahmen -natürlich langfristig gesehen- etwas bringen. Für eine Entscheidung bezüglich des Pokals ist doch jetzt auch keine übermäßige Hetze erforderlich, oder? Als DFB hätte ich jetzt einfach mal die Füße still gehalten und abgewartet. Was die vereinsseitigen Bemühungen ergeben. Sperren, Ausschließen, Rauswerfen kann man doch immer noch?

Und dann, während ich das noch überlege, erreicht mich folgender Link zu einer fatalen Fanfolklore mit einem Ausgang, den viele Pyrogegner oft befürchten, dafür von Pyrobefürwortern regelmässig belächelt werden und dessen Text mich unangenehm an das letzte Bild in meinem damaligen Artikel erinnert, bloss, dass es da „nur“ der Daumen war.

Ich habe ehrlich gesagt auch keine Lust mehr, an den sich ewig im Kreis drehenden Diskussionen der Pyromanen (echte und unechte Fans mit und ohne Fanrechte, Emotionen, pi und pa) teilzunehmen. Pyrotechnik in deutschen Fussballstadien ist verboten, bleibt verboten und ich finde das richtig. Spätestens nach diesem scheinbar wirklich ernsten weiteren Vorfall. Und mir ist auch total „wumpe“ (entliehen von einem ehemaligen Twitterer), ob ich damit in den Augen der einzig Wahren ein emotionsloser, konsumierender, moralinsaurer, spießbürgerlicher, jugendfeindlicher, restriktionsgeiler, staatsmachthöriger Eventfan bin. Lieber das als brennend oder kokelnd mit einem losen Finger vom Nachbarn ein paar Stehplätze weiter auf der Schulter.

Und schwupps, da schließt sich der Kreis: der auch medial sehr weit sichtbare Auftritt der Dresdner in Dortmund als Krönung der Entwicklung der letzten Monate und ein weiterer -wahrscheinlich völlig überzogener, unwahrer und realitätsferner Bericht wie der oben- machen diese ganze Pyrodiskussion überflüssig. War nicht, ist nicht, wird nicht. Fertig.

Wie schon bei @bucanero1910 im Blog kommentiert: ich solidarisiere mich nur allzu gerne und jederzeit mit Gegnern von Homophobie, Rassismus, und Sexismus, Gegnern des Mietenwahnsinn auf St. Pauli, Gegnern von Markus Schreiber und Schutzzäunen gegen Obdachlose, brutalen überzogenen Polizeieinsätzen wie im Jolly Roger,  gegen Nazis nicht nur im Stadion – aber dafür müssten sie sich auch in den Kurven erkennbar von den Schwachköpfen unterscheiden, bei denen nicht der Fussball erstrangig ist, sondern das, was sie draus machen.

Die Entscheidung der Vereinsleitung ist verständlich, drastisch und mutig, da in höchstem Maße unpopulär bei den „echten“ Fans. Um nachhaltig etwas zu bewirken, wird es dabei nicht bleiben können.

4 Kommentare leave one →
  1. Piet permalink
    4. November 2011 14:16:34

    Schöner Artikel, danke! Und dann kann man sich ja Herrn Klopp noch mal vor Augen führen, während man deinen o.g. Links folgt, der ja gegen „so’n büsch‘n Licht“ eigentlich gar nichts hätte, nur bitte nicht übertreiben mit all dem. Wo die Grenze ist, weiß wohl nur er selbst, oder: Verharmlosung statt Problembewusstsein.

    • 4. November 2011 14:25:06

      Habe noch was vergessen: als Allererstes würde ich als Vereinsführung unterbinden, dass nach einem Spiel und Vorfällen wie Dresden gegen Dortmund die Mannschaft bzw. Teile davon auch noch applaudierend Richtung Gästeblock laufen.

      „So´n büschen Licht“ hab ich gerne auf richtigen Feuerwerksveranstaltungen. Weit genug weg, professionell gemacht und auch richtig schön.

  2. prachtmaedchen permalink
    4. November 2011 17:56:18

    Ich kann nur die ganze Zeit mit dem Kopf nicken (was ehrlich gesagt reichlich doof aussieht).
    Ich bin es auch leid mir von „echten“ Fans sagen zu lassen, dass es ja albern von mir ist, vor Pyro im Block Angst zu haben.

    • 4. November 2011 22:05:16

      Seit heute haben es noch ein paar mehr. Ob der mit den zwei Fingern das auch immer noch so sieht?

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