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„Wer das Schweigen bricht, nimmt den Tätern die Macht!! „

16. April 2013

Der folgende Text ist nicht von mir, sondern von einer großartigen und liebenswerten Bekannten. Ich war schon vorher froh, sie kennengelernt zu haben, aber nach der Lektüre dieses Textes, den sie gestern Abend bei Facebook publiziert hat, noch gleich drei Mal mehr. „Sie“ ist Andrea Burrichter bei Facebook, bei Twitter bekannt als @Giraffentiger und selbstverständlich habe ich ihre Erlaubnis eingeholt, das hier zu publizieren und auch mit der Möglichkeit, sie bei weitergehendem Interesse zu kontaktieren. Das Thema ist einfach zu wichtig, als dass es in Timelines untergeht oder in Facebook-Strömen versinkt.

Am vergangenen Wochenende nahmen meine Schwester und ich an einem Seminar im Emsland teil. Das ist nicht weiter interessant, aber wenn man den Titel des Seminars hört und unsere Familiengeschichte kennt, ändert sich das sehr schnell. Die Veranstaltung hatte den Titel „Tätergeschichten“ und handelte u.a. von den Wärtern und Bediensteten des KZ Esterwegen im Emsland. Ein Vortrag handelte von Bernhard Rakers, dem „schwarzen Teufel“. Dieser Bernhard Rakers ist unser Großvater.
Ich hatte mit vielem gerechnet, mit Anfeindungen, Vorwürfen, was aber was dann passierte, war außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Bei der Vorstellungsrunde erschrak ich, als ich realisierte, dass auch Angehörige von Opfern an dem Seminar teilnahmen. Natürlich hätte ich damit rechnen können, aber aus irgendeinem Grund war mir dieser Gedanke nie gekommen. Meine Schwester und ich gaben uns schon am Freitagabend als Enkel von Bernhard Rakers zu erkennen, aber an dem Abend gab es keine Nachfragen an uns, nur hin und wieder einen verstohlenen Blick.
Am Samstag um 11 Uhr war es dann soweit und der Vortrag über unseren Großvater wurde gehalten. Wir erfuhren wenig Neues über seine Taten, da wir die Prozessunterlagen hatten und wussten, dass Bernhard Rakers ein grausamer Mensch gewesen ist, der unendlich viel Leid über die Internierten und ihre Familien gebracht hat. Nach dem Vortrag hatte ich die Möglichkeit, das Wort zu ergreifen und brachte mein Entsetzen darüber zum Ausdruck, dass Bernhard Rakers 1972 von einem SPD – Ministerpräsidenten begnadigt wurde. Ich las aus den Schreiben zum Gnadengesuch des Rechtsanwaltes meines Großvaters vor, der ihn schon bei den Hauptprozessen als freiwilliger Pflichtverteidiger verteidigt hatte. Ich berichtet von meiner Fassungslosigkeit, dass, durch diesen Umgang mit NS-Verbrechern, die Opfer ein weiteres Mal verhöhnt würden.
Nach dem Vortrag kam eine Frau auf mich zu, deren Vater 1934 im KZ Esterwegen getötet wurde, nahm mich in den Arm und bedankte sich für meine Worte. Nicht nur sie, sondern auch andere Opferangehörige sagten uns in den nächsten Tagen, dass die Tatsache, dass wir dagewesen seien und wie wir von von den Taten unseres Großvaters gesprochen haben, für sie eine Heilung in Gang gesetzt hat. Sie hatten befürchtet, auf Angehörige zu treffen, die das Handeln der KZ-Verbrecher bagatellisieren oder rechtfertigen.
Warum schreibe ich das? Um zu zeigen, dass meine Schwester und ich etwas Gutes getan haben? Nein!! Ich schreibe das, um alle Angehörigen von Tätern zu ermutigen, ihr Schweigen zu brechen, Familiengeheimnisse offenzulegen, weil es für die Opfer und ihre Angehörigen wertvoller ist, als jede Entschädigungszahlung.
Wenn es gelingt, dass Täterkinder und -enkel den Opferkindern und –enkeln die Hände reichen, können wir uns zusammentun und das tun, was das Einzige ist, das dem Tod so vieler noch einen Sinn geben könnte, nämlich gemeinsam verhindern, dass so etwas noch einmal passiert und jede Form von Nationalsozialismus bekämpfen!!!

7 Kommentare leave one →
  1. 16. April 2013 10:30:25

    .

  2. 16. April 2013 10:39:52

    Dass Sie sich des Themas annehmen, verwundert nicht. Und Sie haben völlig recht — so etwas darf nicht irgendwo versickern. Ich werde diesen, Ihren Artikel gerne teilen. Wir brauchen Geschichten von Courage und Versöhnung. Die Welt wäre ganz sicher ein besserer Platz, wenn es mehr Menschen gelänge, sich unangenehmen Themen zu stellen, die Lehren daraus zu ziehen und sich die Hand zu reichen.
    Danke. An Sie und ganz besonders an @giraffentiger.

  3. 16. April 2013 10:41:14

    Reblogged this on Plötzlich Landpomeranze.

  4. herold permalink
    20. April 2013 14:25:04

    Hut ab, davor, dass die Autorin 50 Jahre nach der bekannten Begnadigung ihres Großvaters -und fast 20 Jahre nach der Wehrmachtsausstellung- damit anfängt, sich mit ihrer „Familiengeschichte“ aktiv zu befassen. Allerdings frag ich mich, warum erst jetzt? Was hat sie davor gemacht bei ihrer so klaren politischen Haltung? Hatte sie Sanktionen zu befürchten? Vom Rest des Totschweiger-Nazi-Haufens ausgeschlossen zu werden? Sorry. Für mich klingt das ganze ein wenig zu pathetisch und riecht nach Selbstheroisierung einer Selbstverständlichkeit. Naja. Für praktische Antifa-Arbeit ist es ja auch kurz vor der Rente nicht zu spät.

    • 29. April 2013 12:32:33

      Da ich die Fragen an die Autorin nicht beantworten kann (außer der mit den 50 Jahren, da gab es die Autorin noch nicht), die Antworten zum Teil aber selbst interessant fände, kann ich nur hoffen, dass sie hier weiter mitliest und dazu Stellung nimmt.
      Ansonsten beschränke ich mich dann mal auf Ihren letzten Satz
      „Für praktische Antifa-Arbeit ist es ja auch kurz vor der Rente nicht zu spät.“

  5. Andrea permalink
    29. April 2013 20:31:42

    Herold, genau solche Kommentare sind es, die andere Leute davon abhalten, sich nach Jahren des Schweigens öffentlich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Warum nicht erst mal neutral nachfragen, ob es gute Gründe für das Schweigen gab? Warum gleich diese Tritte unterhalb der Gürtellinie? „Vom Rest des Totschweiger-Nazi-Haufens ausgeschlossen zu werden“ ist eine Unterstellung, die einfach nur bösartig ist.
    Trotzdem werde ich Dir antworten, weil ich hoffe, dass Du beim nächsten Mal etwas vorsichtiger mit Deinen Verurteilungen bist.
    Ich habe mich vorher nicht mit dem Thema auseinandergesetzt, weil ich nichts davon wusste. Meine Großmutter hatte ein zweites Mal geheiratet und dieser Mann war „mein Opa“. Erst vor 3 Jahren wurde in meiner Familie das Schweigen gebrochen und von dem „richtigen“ Vater meiner Mutter erzählt.
    Meine Mutter ist durch das, was sie in ihrer Kindheit erleben musste, krank geworden und deshalb sind meine Schwester und ich mit einer manisch-depressiven Mutter aufgewachsen. Was das bedeutet kann sich niemand vorstellen, der das nicht selber erlebt hat. Sie selber ist heute noch nicht in der Lage, lange über ihre Vergangenheit zu reden, ist aber langsam dazu bereit und nimmt das Antworten auf unsere Fragen nur auf sich, weil sie es für uns, ihre Kinder, macht.
    Jetzt kannst Du natürlich meiner Mutter vorwerfen, dass sie versagt hat, das überlasse ich Dir. Ich habe erlebt und erlebe noch heute, was die Nazis nicht nur der Gesellschaft, sondern ihren eigenen Familien angetan haben und bin stolz auf meine Mutter, dass sie sich dem, auch wenn sie jetzt fast 70 ist, stellt.

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