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Hamburg mit Hund und Deutsche Bahn – ein Selbstversuch

1. Dezember 2014

Haben Sie schon mal versucht, im Handbuch für Deutsche Bahn-Benutzer klare und eindeutige Anweisungen zum Thema „Hund in der Bahn“ zu suchen, zu finden und zu verstehen?

Bei mir hat es offenbar nur bis zum „gefunden“ gereicht, verstanden habe ich es wohl nicht, wie mir dann „en tour“ schmerzlich bewusst gemacht wurde.

Buchte ein Sparticket für mich plus ein Kind zwischen 6 und 14 dazu, zwei Sitzplatzreservierungen extra für insgesamt EUR 69,00 hin und zurück. Der Hund gilt nämlich, so nicht in einer Transportbox, als Kind, was offenbar frei ist. Zumindest sagt das Ticket das.

Wissen muss man allerdings, dass dieses Kind, was Sie online kostenlos dazubuchen können -sofern es 6 Jahre und älter ist und von Ihnen abstammt (dazu später)- nicht das gleiche Kind ist, was Sie offline als Hund für 50% des Ticketpreises dazubuchen müssen. Das war mir nicht so gegenwärtig, also ging ich frohgemut mit 4,5 kg Hund, einem Deckchen und bester Laune an Bord des ICE nach Hamburg. Lilly aufs Deckchen auf den Sitz gepackt, keinerlei Tierberührung mit der Sitzfläche. Also ganz anders als unter Umständen der 6-14 jährige Claude-Kevin mit verschmierten Nutellafingern, die 6-14 jährige Chantal-Nadine mit ökologisch wertvollen Filzstiften und der 6-14jährige hyperaktive Jean-Michel mit seinem Karottensaft.

Es erscheint im Abteil -außer mir nur eine Mitreisende ohne Hundephobie- die Schaffnerin Frau A. van Rxxden und konstatiert, dass das mit meinen Tickets so nicht geht und erklärt mir das mit den zwingend von mir abzustammenden 6 bis 14jährigen. Bevor ich noch dazu komme zu fragen, was denn zum Beispiel mit adoptierten Kindern wäre, verkündet sie, dass ich für Lilly also jetzt entweder ein Ticket nachlösen muss -50% vom Normalpreis natürlich plus Bordgebühr = EUR 68.50- oder sie kommt nochmal wieder und der Hund ist in einer Transportbox und dann kostet er nichts. Auf meine Frage, wie ich hier im Zug zwischen Frankfurt und Kassel aus einer alten Croissant-Tüte eine Transportbox basteln soll wie dereinst MacGyver, kommt nichts. Nur sie dann später wieder. Um zu kassieren. Und natürlich muss der Hund runter vom Deckchen. Dafür kann ich dann meine Croissant-Krümeltüte drauf ausleeren, ich hab ihn ja schließlich reserviert….

Aus meinem günstigen Ticket ist also mittlerweile ein relativ preisintensives Ticket geworden für mich, ein nicht existierendes Kind zwischen 6 und 14, zwei Sitzplatzreservierungen, von denen nur ich eine absitze und ein Ticket für ein 6 bis 14 jähriges kostenpflichtiges, nicht von mir abstammendes 4,5 kg Hundekind, dass aber nicht auf einen Sitzplatz darf. Konnten Sie mir soweit folgen?

Mit dem darauffolgenden Hotelaufenthalt in einem hundefreundlichen Hotel hat die Deutsche Bahn zwar nichts zu tun, dieser war aber wesentlich für den Rückreisetag.

Das Programm zwischen Hin- und Rückfahrt war großartig, der einzige Grund, warum ich von der spontanen Idee, einfach in Kassel wieder auszusteigen und nach Hause zu fahren, Abstand genommen hatte.

Hotel Nähe Dammtor, im Style eines Hamburger Kaufmannshauses. Zimmer eher klein, aber eh nicht viel Zeit, viele Pläne. Bei Rückkehr gegen 01:00 Uhr festgestellt, dass es für die kleine Lilly nur zwei Übernachtungsmöglichkeiten in der fremden Umgebung gibt: auf meinem Bett (80cm breit) oder auf dem Sessel (mit Hundedeckchen drauf) direkt neben mir. Done.

Kurz vor dem Einschlafen die ersten St.Pauli-Heimkehrer, die die offenbar noch aus alten Kaufmannszeiten stammenden Wasserleitungen derartig nutzten, dass ich dasGefühl hatte, ich werde selbst durch die Leitungen gespült. Hellwach. Gegen 01:45 weitere Heimkehrer. Irgendwann dann eingeschlafen. Um 04:00 von einem Wadenkrampf first class aus dem Tiefschlaf gerissen, beim Versuch aus dem Bett zu springen, den Sessel vergessen. Denken Sie sich den Rest.

Um 07:30 Gassi, danach lockte das Frühstücksbüffet. Allerdings nur von weitem, denn die Lilly kommt hier net rein. Offenes Büffet, es gab schon mal eine Anzeige, hat 300 Euro gekostet, und nein, Frühstück auf dem Zimmer geht nicht. Es gab: einen Humpen Kaffee im Raucherzimmer gegen 08:30. Danach fühle ich mich wie Schwarzwälder Schinken. Man wird bescheiden. Nimmt auch hin, dass das Frühstück trotzdem berechnet wird. Sie sehen, ich war mental bereits am Limit.

Die Kalkulation, jetzt noch 4 Stunden auf die Abfahrt des Bummel-IC nach Frankfurt zu fahren, bringt mich auf die Idee, einen Mietwagen zu nehmen. Angesichts des erneuten Lilly-Zuschlags für die Rückfahrt, des Zuschlags für mich bei Umbuchung auf einen früheren ICE gar nicht schlecht. Allein, es scheitert am Führerschein. Den ich als Bahnreisender entspannt zuhause gelassen habe. Schade eigentlich. Also mit Lilly zum Dammtor. Reisecenter. Macht leider erst um 10 auf. Was solls, dann laufen wir eben zum Hauptbahnhof. Die 16 Leute, die vor mir sind, die warte ich locker durch.

Dieses Mal treffe ich auf eine hundefreundliche Dame, die die Geschichte mit Frau van R. zumindest sonderbar findet -ohne in Einzelheiten zu gehen- und mir immerhin einen Großraumsitzplatz in einem ICE verkauft zum schlappen Preis von 77 Euro. Für mich. Ihre Empfehlung, wegen Lilly erstmal abzuwarten, was der Schaffner in diesem Zug zum Thema sagt, birgt ein Risiko von 7,50 EUR für Buchung im Zug. Ich alte Gefahrensucherin, zwar mit den Nerven so am Ende, dass sie mich mit einem Stück Christstollen wieder aufbauen will, mache das.

Schleuse dann zwischenzeitlich die arme Mini-Maus durch den Hamburger Hauptbahnhof, zwischen Miooonen von Menschen durch, Treppen hoch, Lifte runter, auf den Arm – und hoffe nichts mehr als so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Steige in den ICE, um festzustellen, dass der gekaufte günstig gelegene Gangplatz im Großraum wegen Wagentausch jetzt ein Mitte-Abteilplatz ist zwischen fünf Menschen und vier Schrankkoffern. Gebe den Platz kampflos auf und erkläre dem Schaffner unter Schluchzen, dass ich einfach nur nach Hause will. Darf mich auf einen comfort-Platz setzen im nächsten Großraumwagen, Lilly darf auf das Deckchen auf den Boden vor dem anderen freien Sitzplatz und kostet nichts extra. Ich liebe diesen Schaffner, ein engelsgleiches Gesicht, diese gütige Stimme – ich bin glücklich.

Bis zu dem Moment, als bei einer älteren Dame schräg gegenüber das Mittagessen samt Frühstück seinen Weg nach draußen sucht und ihr ansatzlos aus dem Gesicht fällt. Trotz sofort eingeleiteter Säuberungsaktion ihres Ehemannes und einer Zugbegleiterin gestaltet sich das Geruchserlebnis in dem ohnehin überheizten stickigen Großraum als nicht zu bewältigende Herausforderung. Während Lillys kleiner Körper bebt und zittert, wird mein großer Körper langsam taub – ich muss raus aus dem Großraumwagen.

Den Rest der Fahrt, nur noch ca. 1,5 Stunden, verbringe ich in dem Zwischengang vor der Toilette, auf dem Boden, mit Lilly zusammen auf ihrem Hundedeckchen. Ich habe nicht mehr die Kraft, mir in dem vollen Zug noch einen anderen Platz zu suchen und stelle fest, dass mich das jetzt EUR 212,75 gekostet hat. Als Frühbucherpreis unschlagbar. Hatte vergessen, dass ich die S-Bahn-Tickets ab Frankfurt ja in dem allerersten Ticket schon mitgekauft hatte, das hatte ich dann auch doppelt. Glaube ich. Ich weiss es einfach nicht mehr.

Ob ich das vor der geplanten rituellen Verbrennung meiner Bahncard noch versuche rauszufinden? Ich glaube nicht.

Meine liebe Deutsche Bahn: auch der großartige Schaffner auf dem Rückweg -dessen Namen und Zugnummer ich nicht nenne, weil er wahrscheinlich für seine Kundenfreundlichkeit noch abgemahnt werden würde (ich kenn Euch doch!)- kann das alles leider nicht mehr rausreißen, für mich wird es keine Bahnreisen mehr geben, wenn ich es irgendwie vermeiden kann, mit Hund schon mal gar nicht.

Macht Euch nichts, weiß ich, aber mir geht es schon direkt nach dem Entschluß viel besser. Werde sicher nochmal liebevoll an Euch denken, wenn ich meine Kreditkartenabrechnung kurz vor Weihnachten bekomme, aber für mich heißt es: back on the highway. Zu meinen Beförderungsbedingungen. Und ich hoffe, die GDL machts Euch noch richtig! SO!

 

 

 

13 Kommentare leave one →
  1. 1. Dezember 2014 18:43:22

    Die Leidensgeschichte der Hinfahrt mit dem vollkommen überzogenen Reisekosten für Ihren kleinen Hund kannte ich ja schon, der Horror der Rückfahrt war mir neu. Immerhin hatte der Schaffner auf der Rückfahrt noch einen Ansatz von Service-Gedanken erkennen lassen. Ansonsten kein Ruhmesblatt für die Deutsche bahn. Ganz im Gegenteil. Jeder, der diesen Bericht liest, wird Sie sofort verstehen. Unfassbar.

    • 1. Dezember 2014 22:38:54

      Wie gut, dass ich am Vorabend so vorzüglich speisen durfte, sonst wäre ich zwischen Goettingen und Kassel entkräftet zusammengebrochen.

  2. 2. Dezember 2014 11:36:33

    Nachdem ich eine ausführliche Diskussion mit @DB_Bahn auf twitter hatte, bin ich eigentlich noch fassungsloser als vorher.

    Aus ihren AGB: „sind entgeltpflichtige Hunde als Person/Erwachsener zu berücksichtigen“ – haben aber keinen Anspruch auf einen Sitzplatz, müssen aber wie ein Kind 50% bezahlen.

    „Hunde sind keine Kinder“, so @DB_Bahn, aber zahlen müssen sie wie Kinder.

    „Sie können online buchen. Sie hätten nur eine einzelne Kinderfahrkarte buchen müssen“, so die @DB_Bahn. Was sie vergessen haben aus ihren AGB: „“keine Online-Tickets zum Selbstausdruck.“
    Per Postversand, aber nur, wenn noch genügend Zeit ist.

    Wer auch immer „nl“ ist, hat nicht mal ansatzweise das Problem verstanden:

    Ich hätte gerne -für meinen Fehler- 50% Sparpreis -wie mein Ticket- nachgezahlt. DAS wäre customer centricity gewesen.

    Dass ich den Hund nicht schmuggeln wollte, war an meinem Ticket (1 Erw., 1 Kind 6-14 plus 2 reservierte Sitzplätze) leicht zu erkennen.

    Was Frau van R. draus gemacht hat, war eine Dienstleistungskatastrophe.

  3. Piet permalink
    2. Dezember 2014 12:22:26

    Positiv gewendet könnte man also sagen, dass die Bahn sich treu bleibt. Sie sehen, nichts ist so schlecht, wie es auf den ersten Blick scheint.🙂

    Erzählte ich mal, wie ich im Westen Dänemarks erwartet wurde, um mich dann aber (danke, Deutsche Bahn) in Kopenhagen wiederzufinden? Ein Abenteuer der besonderen Art, von der Buchung (online -> tel -> Automat -> „Service“-Center) bis zur Ankunft – meine Nerven zumindest wurden positiv getestet. Bestwerte, nehme ich an. Und: Ich habe die unglaubliche Hilfsbereitschaft Dänischer Schaffner zu schätzen gelernt, ganz ohne weitere Kosten, aber mit viel Verständnis und Freundlichkeit. Und WLan. Und Steckdosen selbst im Regional-Vorort-Bummel-Dings.

    Inzwischen freue ich mich über das wachsende Angebot an Fernbussen (leider nicht hundefreundlich) und Mitfahrgemeinschaften, alles wird gut.😉

    • 2. Dezember 2014 12:30:25

      Die Twitter-Diskussion hat das ohnehin schon bröckelige Bild der Bahn noch weiter pulverisiert, zumindest hat sie für einiges Amüsement gesorgt heute morgen.

      Nein, von der Dänemark-Reise wusste ich nichts, klingt aber auch wie eine Herausforderung. Man scheint an den Aufgaben, die einem die Deutsche Bahn stellt, zu wachsen😉

      Die nächste Reise findet mit Hund in meinem Auto statt, es darf gerne auch noch jemand mitfahren und zwar unter Vorlage eines selbstgemalten Kinderfahrscheins.

      • pathologe permalink
        4. Dezember 2014 07:50:43

        Selbstgemalter Kinderfahrschein? Kein Problem. Muss ich meine Decke selber mitbringen?

        • 4. Dezember 2014 12:03:01

          Die Lilly teilt ihre sicher gerne. Wenn Sie nicht allzu sperrig sind.

  4. pathologe permalink
    4. Dezember 2014 07:54:26

    Inzwischen habe ich hier vom Kollegen gelernt, wie man sich in solchen Situationen wie der Hinfahrt verhält. Und zwar wenn der Schaffner mit solch einer Aussage kommt, einfach sagen: „Kann ich das bitte schriftlich sehen?“ Damit sind die Personen meist schon überfordert, denn die AGB schleppen die nicht mit sich herum. Solange Sie aber nichts Schriftliches vorliegen haben, einfach weigern, mehr zu bezahlen. Wenn etwas schriftliches vorgelegt wird, genau durchlesen und sich erklären lassen, dann die Erklärung mit „das ist Ihre Interpretation der Sachlage, ich sehe das anders“ entkräften.

    Da Sie aber eine Frau sind, können SIe das bestimmt auch mit „I don’t like“ in einen unlösbaren Status versetzen.

    • 4. Dezember 2014 12:06:23

      Das Problem ist ja, dass die einen auch einfach rausschmeißen können, wenn ihnen danach ist. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich mit Koffer, Minimaus an der Strippe und unter Tränen in Nordhessen nahe Wilhelmshöhe herumirren, „wos zu essn“ suchen und aus Strohhalmen heimischer Äcker kleine Schaffner-Vodoo-Puppen basteln.

      Kurzum: ich bin zu alt für den Shyss.

      • pathologe permalink
        4. Dezember 2014 12:36:14

        Beim Rausschmeißen ergibt sich allerdings für die Bahn ein Problem: Sie haben ja Ihre Fahrt ordnungsgemäß bezahlt. Wenn nun die Bahn ihrer Aufgabe der Erfüllung des Vertrages (Transport von F nach HH) nicht nachkommt, begeht sie einen vorsätzlichen Vertragsbruch. Anwälte lieben sowas.

        • 4. Dezember 2014 12:38:09

          Aber der Hund hatte keine Karte. Ich weiß nicht, ob ich um des Prinzips willen die Fahrt ohne Lilly fortgesetzt hätte. Man sagt mir ja eine gewisse emotionale Härte nach, aber auch ich habe meine Grenzen.

          • pathologe permalink
            4. Dezember 2014 13:12:11

            Wer behauptet, dass der Hund keine Karte hat, muss das erst beweisen. Sie konnten eine Karte vorweisen für sich und Ihr begleitendes Lebewesen, was sicherlich unter 14 Jahre alt ist.
            Und was das Aussetzen hilfloser Lebewesen an irgendwelchen Bahnhöfen betrifft: da möchte ich nicht in den Uniformhosen der Schaffnerin stecken, die sowas macht. Ganz sschlechte Publikation.

  5. 4. Dezember 2014 13:20:07

    Schauen Sie mal scharf links, Herr P., mir wurde das zu beengt unter Ihnen.

    Der springende Punkt wäre der Abstammungsnachweis gewesen. Aber das Gegenteil hätte sie mir ja auch nicht beweisen können. Ok, die Möglichkeit, das zu diskutieren bis mindestens Göttingen oder sogar Hannover hätte bestanden. Sie haben Recht.

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